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Deciphering

Schrift

Das hieroglyphische Schriftsystem der Maya ist logosyllabisch, d. h. es besteht sowohl aus Logogrammen (Wortzeichen) als auch aus Syllabogrammen (Silbenzeichen). Manche Zeichen stellen als Ideogramme (Bildzeichen) unmittelbar den bezeichneten Gegenstand dar. Mit Hilfe der syllabischen Schriftzeichen konnten die Maya Wörter auch rein phonetisch schreiben. Derselbe Laut wurde oft von mehr als einem Zeichen wiedergegeben. Einige der phonetischen Zeichen können auch als Logogramme verwendet werden. Die runden, ovalen oder eckigen Hauptzeichen werden ergänzt um kleinere Affixe, die als Präfixe oder Suffixe an das Hauptzeichen angefügt oder als Infixe in das Hauptzeichen intergriert werden. 

Die Hieroglyphen werden zeilenweise von links nach rechts in senkrechten Zweierkolumnen gelesen.

Ein auffälliges syntaktisches Merkmal der yukatekischen Maya-Sprache ist die Satzstellung Verb - Objekt - Subjekt. 

Zahlzeichen und Zahlensystem

Die Zahlen der Maya werden überwiegend spaltenweise von unten nach oben gelesen, neben Schriftzeichen auch waagerecht von rechts nach links. Die Zahlen von 1 bis 4 wurden als Punkte, die Zahl 5 als Balken, die Null als leere Muschel geschrieben. Diese Zeichen wurden bis zur Zahl 19 kombiniert (3 Balken plus 4 Punkte). Da die Maya in einem Zwanzigersystem (Vigesimalsystem) rechneten, begann mit der Basiszahl 20 ein weiterer Stellenwert, der wieder mit Punkten und Strichen bis zum nächsten Stellenwert gezählt wurde (mathematisch 400, bei kalendarischen Angaben jedoch 360, das Produkt von 20 Tagen mal 18 Monaten des Sonnenjahres Haab). Alternativ konnten Zahlen auch mit 20 verschiedenen Hieroglyphen in Kopfform geschrieben werden (vor allem in Steininschriften; im Dresdner Codex nur im blauen Abschnitt auf Seite 69).

Die höchste Zahl, die in der Dresdner Handschrift vorkommt, ist die "Schlangenzahl" 12.489.781 auf Seite 61.  

Geschichte der Entzifferung

1566 notierte und transkribierte der spanische Franziskanerordensprovinzial, Inquisitor und spätere Bischof von Yucatán, Diego de Landa (1524-1579), der 1562 vor dem Franziskanerkloster in Maní zahlreiche Maya-Bücher als Zeugnisse für Aberglauben und Teufelslügen verbrannt hatte, in seiner ethnographischen Rechtfertigungsschrift „Relación de las cosas de Yucatán“ die Hieroglyphen für die Tages- und Monatsnamen der Maya und versuchte, auf phonetischem Weg eine Beziehung zwischen den Maya-Hieroglyphen und dem spanischen Alphabet herzustellen (sog. Landa-Alphabet) (Relación, Kapitel XLI [engl. Übers. hier]).

1831 verzeichnete der Leipziger Orientalist Heinrich Leberecht Fleischer in seinem Katalog der orientalischen Handschriften der Königlichen Öffentlichen Bibliothek den Codex Dresdensis unter der Nummer 451 als hölzernes, mit Bildern ausgestattetes Buch, das auf seinen Ödipus warte (der sein Rätsel lösen könnte).

1832 verglich der Universalgelehrte Constantine Samuel Rafinesque-Schmaltz (1783-1840) die Hieroglyphen des Dresdner Codex' anhand der Abbildungen in Alexander von Humboldts "Vues des Cordillères" (1810) mit Steininschriften aus Guatemala und Yucatán und erkannte die Zahlzeichen in Form von Punkten und Balken (Brief an Champollion, Februar 1832, veröffentlicht im "Atlantic Journal", Bd. 1, Nr. 2). 

1853 konstatierte der Historiker und Ethnologe Abbé Charles Etienne Brasseur de Bourbourg  (1814-1874) in einer Besprechung des Werkes "Memoire sur la peinture didactique et écriture figurative des anciens Mexicains" von Joseph Aubin die nahe Verwandschaft der Schrift des Dresdner und des Pariser Codex' mit Inschriften in Chiapas und Yucatán.  

1864 edierte Bourbourg Diego de Landas Manuskript der "Relación de las cosas de Yucatán", das er 1862 in der Bibliothek der Real Academia de la Historia in Madrid entdeckt hatte, mit einer französischen Übersetzung, einer Grammatik und einem Wörterbuch. Anhand der Aufzeichnungen de Landas konnte er die Tages- und Monatszeichen sowohl im Dresdner als auch im Pariser Codex identifizieren.

Im selben Jahr erwog Theodor Waitz (1821-1864), der den Dresdner Codex im Original studierte, in seiner "Anthropologie der Naturvölker" (Bd. 4,2, S. 298) eine phonetische Lesung der Maya-Hieroglyphen.

1876 zog der Orientalist, Altamerikanist und Ethnologe Léon Louis Lucien Prunol de Rosny in seiner Studie „Déchiffrement de l’Écriture Hiératique de l’Amerique Centrale“ den Schluss, dass die Maya-Schrift sowohl aus Logogrammen als auch aus phonetischen Zeichen besteht. Er beschäftigte sich mit den Bildern im Dresdner, im Madrider und in dem von ihm entdeckten Pariser Codex. 

1886 veröffentlichte Ernst Wilhelm Förstemann (1822-1906), Direktor der Königlichen Öffentlichen Bibliothek zu Dresden, in seinen "Erläuterungen" zum Dresdner Codex seine Erkenntnisse über das Zahlen- und Kalendersystem der Maya sowie über ihre astronomischen Berechnungen. 

Im selben Jahr publizierte der Jurist Paul Schellhas (1859–1945), der in regem Ausstausch mit Förstemann stand, in einem Zeitschriftenaufsatz erstmals seine Beobachtungen über den Zusammenhang zwischen den Hieroglyphentexten und den Götterdartellungen in der Dresdner Mayahandschrift. 

1892/93 sprach sich der Ethnologe Cyrus Thomas (1825-1910) für eine phonetische Lesung von Maya-Hieroglyphen aus und stellte Silbentabellen zusammen

1952 erwies der russische Ägyptologe Juri Walentinowitsch Knorosow (1922-1999) in einem kurzen Zeitschriftenaufsatz (Sovjetskaja etnografija 3, S. 100-118), dass ein großer Teil der Maya-Hieroglyphen in den Codices aus mehreren lautlichen Einheiten (Silben) zusammengesetzt ist, und fand damit den Schlüssel für die Entzifferung der Maya-Schrift.  

 

 

In den 1980er Jahren begann man, die Syntax der klassischen yukatekischen Maya-Sprache zu verstehen. Die Hieroglyphentexte in den  Codices haben überwiegend folgende Struktur: Verb - Objekt - Subjekt (häufig eine Gottheit). Hinzu kommen Attribute und Angaben zur Wirkmacht der Gottheit sowie zu den Opfergaben. 

Von den insgesamt etwa 650 Zeichen der Maya-Schrift (davon ca. 200 Silbenzeichen) konnten inzwischen etwa 90% mehr oder weniger sicher entziffert werden. Etwa 85% der ca. 5.000 überlieferten Textträger können heute gelesen oder zumindest inhaltlich gedeutet werden. Der Dresdner Codex enthält 350 verschiedene Zeichen, von denen bisher 250 entziffert werden konnten.