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Gegen-Lügen – Der interkonfessionelle Streit um die Heiligen im 16. Jahrhundert

Antje Sablotny und Felix Prautzsch: Kat. Nr. 39–45

1537 schuf Martin Luther mit seiner Lügend von St. Johanne Chrysostomo das Wortspiel Legende – Lügende. Er prägte damit einen Begriff und eine Gattungsform, die dazu dienten, die katholische Legende als lügenhaft zu diskreditieren. Die Bezeichnung Lügende ist Ausdruck einer im Zuge der Reformationsbewegungen des 16. Jahrhunderts immer radikaler werdenden Ablehnung gegenüber Heiligenkult und Frömmigkeitspraxis der Altgläubigen. Die Lutheraner forderten die Abkehr von den Heiligenlegenden und eine Rückbesinnung auf die Heilige Schrift.

Für seine Lügend von St. Johanne Chrysostomo (Kat. Nr. 39) entnahm Luther eine Legende aus dem im Spätmittelalter sehr bekannten Heiligenlegendar Der Heiligen Leben (um 1400) und versieht sie mit ironisch-bissigen Paratexten: Vorwort, Nachwort und Randglossen. Im Nachwort richtet sich Luther dezidiert an die eigenen Anhänger, um im Predigtstil vor den ‚papistischen Lügen‘ zu warnen und zum gemeinsamen Lachen und Spotten über solche unglaubwürdigen Erzählungen aufzurufen: „Lachet nu und spottet getrost solcher auffgedeckten lügen“, heißt es in dem hier ausgestellten Abschnitt aus dem Nachwort (Kat. Nr. 40). Etabliert wird so eine protestantische Spott- und Schmähgemeinschaft, die ihre stabilisierende Kraft aus dem invektiven Lachen über die nunmehr als Lügen ‚enttarnten‘ Legenden zieht (Münkler 2015; Sablotny 2019).

Der lutherische Theologe Hieronymus Rauscher führte die Lügendentradition und mit ihr die gemeinschaftsstiftende Praxis des Verlachens fort: Zwischen 1562 und 1564 veröffentlichte er fünf Bände mit jeweils etwa hundert „Papistischen Lügen“ (Schenda 1974). Sie waren derart populär, dass sie nicht nur mehrfach aufgelegt wurden, sondern Anfang des 17. Jahrhunderts noch einmal als erweiterte Neuausgabe erschienen (Kat. Nr. 41). In der ersten Ausgabe (Kat. Nr. 42 [ND 1563/1564]) richten sich einige „Papistische Lügen“ gegen den heiligen Franziskus, dessen Stigmata (die Wundmale Christi, die an seinem Körper sichtbar geworden sein sollen) von den Protestanten als besondere Anmaßung verstanden und vehement zurückgewiesen wurden. Die sogenannte Erinnerung zur 76. Lügende (Kat. Nr. 43) endet daher mit einer Verfluchung des Heiligen und all jener, die an solche Lügen glauben. Beliebt sind dabei skatologische Ausdrucksweisen, um den Heiligen und die Heiligenverehrung herabzusetzen: So seien, der Randglosse entsprechend, die Flügel des Franziskus mit Kuhdreck ‚vergoldet‘ gewesen.

Allerdings formierte sich die reformatorische Bewegung nicht nur als Schmähgemeinschaft gegenüber den Altgläubigen. In dem Maße, in dem die Glaubensstreitigkeiten des konfessionellen Zeitalters an Heftigkeit zunahmen, stilisierte die lutherische Reformationsbewegung Luthers Wirken, das die Botschaft des Evangeliums „wieder an den Tag“ gebracht habe, zu einer heilsgeschichtlichen Wende (Bollbuck 2017). So kam es, dass sich trotz Luthers Kritik am Heiligenkult eine Verehrung des Reformators herausbildete, die sich als Ausdruck seiner ‚Heiligung‘ verstehen lässt und eine entsprechende Legendenbildung beförderte. Für die katholische Gegenseite war das wiederum ein willkommener Angriffspunkt, weil mit der Integrität der Gründungsfigur die reformatorische Bewegung insgesamt infrage gestellt werden konnte: Im Lebenswandel Luthers möge man die Frucht seiner falschen Lehre erkennen, so das Motto der 1570 veröffentlichten Qvinta Centvria des Franziskaners Johannes Nas (Kat. Nr. 44). In parodistischer Verkehrung protestantischer Lutherbiographien entlarvt er ein ganzes Hundert „Evangelose warhaiten“ von „des Luthers lugent“ (Nas 1570: 28v) – eine unverkennbare Replik auf Rauschers „Papistische Lügen“, die im invektiven Verlachen der Luther-Legenden/Lügenden nun eine antiprotestantische, gegenreformatorische Schmähgemeinschaft etabliert. Der Reformator sei in Wahrheit selbst der größte Lügner, ein „Teufels Prophet“ (Nas 1570: 64v), ein „fauler geiler Mönch und Nonnenliebkößler“ (Nas 1570: 95r) gewesen. Der durchs Fenster scheinende Mond (Kat. Nr. 45) verleiht ihm nicht, wie in der lutherischen Ikonographie, die Hörner des Moses – sondern macht seinen ‚wahren‘ Charakter als Teufelsbündner offenbar (Hecht 2016).

Literatur

Harald Bollbuck: Martin Luther in der Geschichtsschreibung zwischen Reformation und Aufklärung, in: Luthermania – Ansichten einer Kultfigur. Virtuelle Ausstellung der Herzog August Bibliothek im Rahmen des Forschungsverbundes Marbach Weimar Wolfenbüttel 2017. Online: www.luthermania.de/exhibits/show/harald-bollbuck-martin-luther-in-der-geschichtsschreibung

Christian Hecht: Luther bekommt Hörner, in: Luthermania – Ansichten einer Kultfigur. Virtuelle Ausstellung der Herzog August Bibliothek im Rahmen des Forschungsverbundes Marbach Weimar Wolfenbüttel 2017. Online: www.luthermania.de/exhibits/show/katalog-nr-24

Marina Münkler: Legende/Lügende. Die protestantische Polemik gegen die katholische Legende und Luthers ‚Lügend von St. Johanne Chrysostomo‘, in: Gerd Schwerhoff, Eric Piltz (Hgg.): Gottlosigkeit und Eigensinn. Religiöse Devianz im konfessionellen Zeitalter, Berlin 2015, S. 121–147.

Antje Sablotny: Metalegende. Die protestantische Lügende als invektive Metagattung, in: Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung 2 (2019), S. 148–200. Online: https://ojs.uni-oldenburg.de/ojs/index.php/bme/article/view/28

Rudolf Schenda: Hieronymus Rauscher und die protestantisch-katholische Legendenpolemik, in: Wolfgang Brückner (Hg.): Volkserzählung und Reformation. Ein Handbuch zur Tradierung und Funktion von Erzählstoffen und Erzählliteratur im Protestantismus, Berlin 1974, S. 178–259.