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Zu Leben und Werk

Seit 1919 hat Walter Hahn seine Heimatstadt Dresden systematisch aus der Luft und von erhöhten Standpunkten aus fotografiert. Im Laufe von zweieinhalb Jahrzehnten entstand eine einzigartige Dokumentation der Stadt, die den historisch gewachsenen Kern wie die Entwicklung zur modernen Großstadt in Bildern von bestechender technischer und künstlerischer Qualität festhielt. Als Hahn im Oktober 1943 ein letztes Mal Bilder aus dem Flugzeug machen durfte - Luftbilder waren längst zu militärischen Geheimdokumenten geworden -, ahnte er, dass er bereits am Schlusskapitel seines fotografischen Großprojektes arbeitete. Im Februar 1945 sank Dresden in Schutt und Asche. Glücklicherweise blieb Hahns Bildarchiv fast vollständig erhalten; es befindet sich seit 1970 in der Deutschen Fotothek der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB).

Buch: Über den Dächern von DresdenText aus: Walter Hahn: Über den Dächern von Dresden. Luftbildfotografien 1919-1943. Herausgegeben im Auftrag der Deutschen Fotothek von Jens Bove, mit Texten von Christa Bach, Kerstin Delang und Johanna Dürig, Leipzig: Lehmstedt Verlag 2008.

Das Buch bietet erstmals eine umfassende Auswahl aus dem Bestand. Es führt den Betrachter in einem imaginären Rundflug über die Stadtteile des alten Dresden. Die Reise beginnt über dem Altstadtkern und führt von Brühlscher Terrasse, Frauenkirche, Neumarkt, Altmarkt, Zwinger und Theaterplatz mit Hofkirche, Schloß und Opernhaus zur Inneren Neustadt auf der gegenüberliegenden Elbseite. Nach dem Überfliegen von Hauptstraße, Dreikönigskirche, Japanischem Palais und Albertplatz liegen die linkselbischen Stadtteile Friedrichstadt, Briesnitz, Löbtau und Cotta auf der vom Zentrum ausgehend strahlenförmig angelegten Route. Es folgen Ansichten der Südvorstadt und der ebenfalls im Süden liegenden Stadtteile Strehlen, Mockritz und Leubnitz sowie der östlich der Altstadt befindlichen Wohngebiete Johannstadt, Striesen, Gruna, Blasewitz, Laubegast und Zschieren. Im weiteren sind ausgehend von der Inneren Neustadt die westlichen Stadtteile Pieschen, Mickten und Kaditz sowie die nördlichen Hellerau und Klotzsche zu sehen. Schließlich wird der Blick auf die Äußere Neustadt und die am Elbhang gelegenen Wohnviertel Loschwitz, Weißer Hirsch und Wachwitz sowie auf das ferne Pillnitz gerichtet.

Trotz des großen Bekanntheitsgrades von Walter Hahn – seine Postkarten sind gesuchte Sammelobjekte, Aufnahmen von ihm fehlen in kaum einem Bildband über Sachsen – ist über seine Person sowie den Werkzusammenhang erstaunlich wenig bekannt. Eine wesentliche, allerdings bislang nicht systematisch ausgewertete Quelle ist sein schriftlicher Nachlass, der sich unter der Signatur „Mscr.Dresd.App. 2633“ seit 1995 ebenfalls in der SLUB Dresden befindet. Enthalten sind Schriftstücke zur Familiengeschichte, zur Biographie und zu persönlichen Umständen sowie geschäftliche Korrespondenzen. Obwohl sich auch anhand dieser in vielen Bereichen sehr unvollständigen Archivalien kein lückenloses Bild zeichnen lässt, sollen hier Leben und Werk Hahns zum ersten Mal etwas weiter ausgreifend skizziert werden.

Colmar Walter Hahn wurde am 20. April 1889 als Sohn des Tischlers Robert Colmar Hahn [1] und der Plätterin Laura Luise Hahn, geb. Herrmann [2] in Berlin geboren. Dort besuchte er von Oktober 1893 bis Frühjahr 1898 die 152. Gemeindeschule. Nach dem Tod des Vaters zog die Familie nach Dresden in die Kamenzer Straße. Von April 1898 bis April 1903 besuchte Hahn die 15. Bezirksschule in Dresden. Nach der Schulentlassung trat er eine Lithografenlehre bei der Dresdner Firma Steinbach & Strache an, die er Ostern 1907 erfolgreich beendete. Anschließend war er bis zum 14. Juli 1908 für die gleiche Firma tätig.

Bereits während seiner Lehrzeit begann Hahns fotografische Tätigkeit, parallel zu seiner Hinwendung zum Klettersport. Mit einer schweren Plattenkamera dokumentierte er zahlreiche Erst- und Frühbegehungen in der Sächsischen Schweiz. Ab 1906 entstanden erste Hahnsche Fotokarten mit „Anstiegsserien“ - Kletter-, Ski- und Landschaftsaufnahmen, die er zunächst für Freunde anfertigte und später auch gewerblich vertrieb. Berühmtheit erlangten vor allem die Kletteraufnahmen, auf denen alle Persönlichkeiten vertreten sind, die in dieser Zeit die Geschichte des sächsischen Bergsteigens mitgeschrieben haben. Hahns Frühwerk dokumentiert über viele Jahre eine der glanzvollsten Epochen der bergsteigerischen Erschließerzeit. Aus heutiger Sicht sind diese Aufnahmen zugleich wertvolle Dokumente für Veränderungen des Elbsandsteingebirges durch Umwelteinflüsse. Durch die Fähigkeit, selbst klettern zu können, erschlossen sich Hahn alle Möglichkeiten, selbst gewagteste Kamerastandpunkte zu erreichen. Dabei fotografierte er nur bei gutem Wetter. Sein Bestreben: Kontrastreiche Aufnahmen großer Tiefenschärfe, fast immer mit spezifischer Bewölkung, den „Hahn-Wolken“ (Cumulus-Wolken), die er durch meisterhafte Filtertechnik inszenierte. Nicht überliefert ist, ob er den Begriff gar selbst geprägt hat. [3] Hahn berichtete im Dezember 1945 über diese Zeit, in der er bereits lokalen Ruhm erworben hatte, dass er nach beendeter Lehre in München, Dortmund und anderen Städten gearbeitet habe. [4] „Von 1912 bis 1913 war ich hier in Dresden ausgesperrt, weil ich dem Verband der Lithographen und Steindrucker angehörte.“ [5] Zwischen 1914 und 1919 war Hahn „beim Jäger Batl. 13 in Dresden als garnisonsdienstfähig eingezogen“. [6]

Eine Zäsur markiert das Jahr 1920: Hahn machte sich in Dresden-Neustadt, Wallgässchen 7, als Fotograf selbstständig [7] und wandte sich vermehrt der Landschaftsfotografie zu, insbesondere in der Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge, aber auch in den Alpen. Etwas später kam die Architekturfotografie als Schwerpunkt hinzu. Kletteraufnahmen sind bis 1923 im Bestand der Deutschen Fotothek vorhanden. Vor allem aber fertigte er systematisch die heute berühmten Luftaufnahmen seiner Heimatstadt sowie von den meisten Orten Sachsens an. Pilot war häufig der befreundete Reklameflieger Ernst Fröde. Ob er auch in Udets offenem Sportflugzeug geflogen ist, wie Rainer Ponier behauptet hat, [8] mag dahingestellt sein.

1920 heiratete Hahn Margarethe Clara Emma Koppenatsch. [9] Am 17. Februar 1921 wird der Sohn Heinz Wolfgang geboren, der später bei dem Dresdner Fotografen und Hugo-Erfurth-Schüler Franz Fiedler eine Fotografenlehre absolvierte (1936-1939) und im Zweiten Weltkrieg als Bildberichter der Luftwaffe tätig war, was auf gute Beziehungen des Vaters zum Militär hindeutet. Seit 1943 gilt der Sohn als vermisst.

1928 verlagerte Walter Hahn seinen Betrieb auf das eigene Grundstück in der Godeffroystraße 26 (heute Leonhard-Frank-Straße). [10] Im gleichen Jahr entstand die Luftbildserie „Die technische Stadt“ für die Dresdner „Jahresschau Deutscher Arbeit“. Im Mai 1934 trat Hahn in die NSDAP ein, was er später als für die weitere Berufsausübung, insbesondere für die Genehmigung, Luftbildaufnahmen anzufertigen, als unumgänglich bezeichnete. Die Luftbildfotografie entwickelte sich in den dreißiger Jahren zu seiner Spezialität, die ihm einen hohen Bekanntheitsgrad verschaffte.

Einem Schreiben seines Kollegen Richard Peter sen. ist zu entnehmen, dass Hahn der einzige gewesen sei, der - seit 1921 - eine Erlaubnis für Luftaufnahmen im Land Sachsen erhalten habe. [11] Nicht zuletzt durch diesen Umstand kommt den Aufnahmen Hahns singuläre Bedeutung zu.

Darüber hinaus tritt neben der handwerklichen und ästhetischen Qualität, die die enorme Popularität seiner in großer Auflage, aber stets als Handabzug hergestellten Postkarten begründete, mit der beginnenden Zerstörung deutscher Städte durch alliierte Luftangriffe zunehmend die dokumentarische Bedeutung der Hahnschen Aufnahmen, insbesondere der Luftbilder, in den Vordergrund. Der hohe Wert fotografischer Dokumentation als Schutzmaßnahme spielte auch im Rahmen des deutschen Kunstschutzes eine wesentliche Rolle. Das Propagandaministerium organisierte beispielsweise ab Frühjahr 1943 die heute als „Führerauftrag Monumentalmalerei“ bezeichneten, großangelegten Aufnahmekampagnen zur Farbablichtung aller bedeutenden Wand- und Deckenmalereien im „Großdeutschen Reich“. [12]

In ähnlicher Absicht wandte sich Hahn am 28. August 1943 an den Reichsminister der Luftfahrt mit dem Vorschlag, vorsorglich bislang nicht verfügbare farbige Luftbilder herzustellen, „falls es unseren Gegnern gelingen sollte, auch unser schönes Dresden zu zerstören“, und bat dafür um Nutzung eines Militärflugzeugs. [13] Der Bitte wurde nicht entsprochen, doch erhielt Hahn noch am 30. Augutst 1943 „unter Bezugnahme auf die polizeiliche Verordnung über das Fotographieren und sonstige Darstellen verkehrswichtiger Anlagen vom 29.3.1942“ die Genehmigung, „innerhalb Großdresden, im Elbsandstein- und Erzgebirge zu fotographieren.“ [14] Seine besondere Stellung ist auch daran ablesbar, dass seine Luftaufnahmeberechtigung für Kulturdenkmäler am 8.Oktober 1943 noch einmal bis zum 30. November 1943 verlängert wurde. [15] Eine Veröffentlichung der Aufnahmen wurde Hahn für die Dauer des Krieges jedoch untersagt. Es wurde festgelegt - offenbar einem Vorschlag Hahns folgend -, „dass die Unterbringung des Bildmaterials in ihrem eigens ausgebauten Luftschutzraum erfolgt.“

Im Dezember 1943 wurde ein weiterer Antrag Hahns, Bombenschäden aus der Luft aufzunehmen, vom Reichsminister der Luftfahrt, Prüfstelle für Luftbilder, abgelehnt. [16] Ob bzw. in welchem Umfang Walter Hahn nach dieser Zeit noch Luftbilder angefertigt hat, ist nicht überliefert. Noch im Januar und Februar 1945 korrespondierte Hahn allerdings mit dem Oberkommando der Luftwaffe bezüglich Luftbildaufnahmen für die Bildstelle des Generalbauinspektors in Berlin.

Die alliierten Luftangriffe auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945 überstand Walter Hahn weitgehend unbeschadet, sein Grundstück allerdings wurde stark beschädigt. Am 25. Februar fotografierte er die Leichenverbrennungen auf dem Dresdner Altmarkt „trotz Verbot“, wurde nach eigener Aussage von der SS verhaftet und zur Luftschutzbefehlsstelle transportiert, wenig später aber wieder entlassen. [17] Dort habe er – nachträglich (!) – den vielzitierten Zusatz zu seiner Fotogenehmigung von 1943 erhalten, demzufolge er berechtigt war, „von allen Schadenstellen und besonderen Begebenheiten im LS-Ort Dresden fotografische Aufnahmen zu machen. Ihm ist ungehindert Zutritt zu gewähren.“ [18]

Bei einem weiteren Luftangriff auf Dresden am 17. April 1945 wurden Hahns Haus und Werkstatt vollständig zerstört, seine Frau kam ums Leben. Die im Keller gelagerten Glasnegative blieben jedoch bis auf wenige Ausnahmen erhalten und konnten geborgen werden. Für einige Tage wohnte Hahn bei Nachbarn in der Godeffroystraße 27. Ende April flüchtete er zu Albert Mitreuter nach Kleinhennersdorf und verlagerte auch sein Bildarchiv dorthin. Kriegsende, Zerstörung von Stadt, Haus und Arbeitsmitteln sowie der Tod seiner Frau bildeten eine weitere deutliche Zäsur in seinem Leben. In der Literatur ist von schweren Anfängen nach dem Krieg zu lesen. Er habe sich zunächst mit Passbildern für neue Ausweise sowie mit Glückwunschkarten über Wasser halten müssen. [19] Bereits im Juni 1945 war Hahn jedoch wieder in Dresden und wohnte bei seiner Schwester Margarethe Gierisch in der Wiener Straße 105. Unter dieser Adresse wurde ihm umgehend, am 8. Juni 1945, die „Wiederingangsetzung“ der Firma „Photograph- und Lichtbildvertrieb“ bescheinigt, [20] schon bald wieder mit einer angestellten Laborhilfe.

Eine knappe Woche später erreichte der Fotograf, dass der Oberbürgermeister den russischen Stadtkommandanten ersuchte, von Hahn Luftbildaufnahmen vom zerstörten Dresden anfertigen zu lassen, verbunden mit der Bitte um Bereitstellung eines Flugzeugs [21] - erfolglos. Am gleichen Tag wurde Hahn immerhin von der Bauverwaltung attestiert, sein Bildarchiv müsse „vor jeder Zerstörung und vor jedem Zugriff bewahrt werden. Es wird daher ausdrücklich untersagt, das Negativmaterial zu beschädigen oder überhaupt aus den Behältnissen zu nehmen.“ [22] Am 2. Juli 1945 erreichte ihn die Bescheinigung vom Kulturamt, dass er seine nach Kleinhennersdorf ausgelagerten Negative nach Dresden holen könne. „Wir bitten, Herrn Hahn zu unterstützen und ihm keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen.“ [23]

Neben der Akquise von Aufträgen bemühte sich Hahn in dieser Zeit vor allem um eine schnelle Entnazifizierung. Von Freunden, Kollegen und Mitarbeitern, darunter dem Fotografen Richard Peter sen., ließ er sich bestätigen, nie faschistische Einstellungen vertreten zu haben. [24] Am 29. Juli 1946 erhielt er seine Entnazifizierungsbescheinigung von der SED-Ortsgruppe Dresden-Strehlen. [25]

An Aufträgen aus dieser Zeit sind u.a. nachweisbar: Auftrag vom Amt für Bau- und Denkmalpflege über Trümmeraufnahmen (20. Juni 1946), [26] Auftrag zur Dokumentation zerstörter Kirchen für das Evangelisch-lutherisches Landeskirchenamt Sachsens (11. Juli 1946), [27] Auftrag für Innen- und Außenaufnahmen des Opernhauses für das Amt für Bau- und Denkmalpflege (5. August 1946), [28] Auftrag über die Dokumentation öffentlicher Denkmäler im Stadtgebiet (13. August 1946), [29] Auftrag über die Aufnahmen von Plänen für einen Hotelwettbewerb (5. September 1946). [30] Am 4. Oktober 46 wurden ihm laufende Bildreportagen für die Landesverwaltung Sachsen bescheinigt. Daneben bemühte er sich weiterhin um Luftaufnahmen der zerstörten Stadt und erhielt am 7. Juni 1946 vom Referenten für den Wiederaufbau beim Rat der Stadt Dresden ein Empfehlungsschreiben, in dem gebeten wurde, Hahn bei seinen Bemühungen um Luftaufnahmen des zerstörten Dresden zu unterstützen. [31]

1947 heiratete Hahn seine zweite Frau Gertrud, die ihn neben einer Angestellten auch bei der wieder florierenden Postkartenherstellung unterstützte. Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung sowie bei der Vergabe von Druckgenehmigungen waren allerdings an der Tagesordnung. So ließ sich Hahn nicht selten die Nachfrage nach seinen Postkarten, deren „Notwendigkeit“, bestätigen. So schrieb das Staatliche Neubauamt Zwinger zu Dresden: „Wir beziehen aber auch laufend von ihm Postkartenabzüge, die für Progagandazwecke verwendet werden. Alle prominenten Besucher verlangen danach, und im allgemeinen überreichen die Herren Minister oder die Begleiter solchen Persönlichkeiten diese Blätter als Geschenk.“ [32]

Aus den Jahren 1958/59 sind umfangreiche Korrespondenzen mit verschiedenen staatlichen Stellen bezüglich Hahns Preisbildung erhalten, an denen sich die besonderen Schwierigkeiten freischaffender Berufsausübung in der jungen DDR ablesen lassen. Ein Schreiben einer HO-Verkaufsleiterin an das Büro für Regulierung der Preise in Leipzig sei hier pars pro toto zitiert: „Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man im vorliegenden Fall die Absicht hat, die Fa. Hahn irgendwie lahmzulegen. [33] Bitte bearbeiten Sie schnellstens den Vorgang Hahn, damit ich die Wünsche meiner zahlreichen Kundschaft, die zu 98% nach Hahn-Karten fragen, befriedigen kann.“

Den spektakulären Abschluß von Hahns Fotografenlaufbahn bildeten die berühmt gewordenen Aufnahmen des Goldenen Mannes auf dem Dresdner Rathausturm, die Hahn nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten und der Neuvergoldung 1963 auf einer Leiter stehend in schwindelnder Höhe angefertigt hat (wobei er selbst von Karl Thomas fotografiert wurde).

Am 24. November 1969 verstarb Walter Hahn nach langer schwerer Krankheit im Alter von 80 Jahren.

Bemerkenswert ist die Rezeption des fotografischen Werkes von Walter Hahn, das dieser mit äußerster Zielstrebigkeit und nicht selten mit reichlich Chuzpe in sechs Jahrzehnten geschaffen hat. Mussten seine Luftaufnahmen während der Kriegszeit einbruchsicher gelagert werden und wurden sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Kulturgüter unter besonderen Schutz gestellt, so wurde Hahn in Nachrufen oder posthumen Presseberichten häufig in erster Linie als Bergsteiger und Kletterfotograf gewürdigt, wenngleich sich seine Architektur- und Luftbildaufnahmen stets großer Beliebtheit erfreuten und bis heute als Sammlerstücke gehandelt werden.

Ganz offensichtlich hat das in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch große Interesse staatlicher Stellen an der Publikation und Verbreitung historisch gewordener Aufnahmen sowie an der Dokumentation der Trümmerlandschaften, auch zum Zweck künftigen Wiederaufbaus, spätestens mit dem Erlass des „Aufbaugesetzes“ im Jahr 1950 ein Ende gefunden. Darin wurde in „Sechzehn Grundsätzen des Städtebaus“ festgeschrieben, wie und nach welchem städtebaulichen Leitbild gebaut werden sollte: „National, schön und großzügig.“ Im Vordergrund städtebaulicher Vorstellungen standen Straßenerweiterungen und vergrößerte Plätze als Bühne für Aufmärsche und Kundgebungen; aufbaufähige Ruinen wurden gesprengt, darunter das Alte Rathaus (1949), das Neustädter Rathaus, die Große Meißner Straße, Alberttheater und Narrenhäusel (1950), Hotel Bellevue und Bürgerhäuser der Altstadt (1951), viele öffentliche Großbauten des 19. Jahrhunderts (1952), Orangerie und Villen an der Wiener Straße (1953), Rampische Straße (1956), Sophienkirche (1963) und zahlreiche weitere Kirchenbauten. Im Todesjahr Hahns sind die Torhäuser am Großen Garten und das südliche Torhaus am Palaisplatz eingeebnet worden.

Prominentestes Beispiel für den Wiederaufbaus Dresdens zu einer „Sozialistischen Großstadt“ war die von 1953 bis 1958 ausgeführte Neubebauung des Altmarktes. Die Fassaden der neu errichteten Wohnhäuser mit Geschäften, Cafés und Restaurants in den unteren Geschossen sind durch Gestaltungselemente gegliedert, die sich an Formen des Dresdner Barock anlehnen, doch die bürgerliche Stadt mit ihrer Parzellierung verschwand. An der Nordseite wurde mit dem von 1966 bis 1969 erbauten Kulturpalast der Versuch eines repräsentativen Platzabschlusses unternommen; die Südseite blieb unbebaut. Auch das neue Dresden ist von Hahn fotografiert und in erheblichen Stückzahlen als Postkartenmotiv in Umlauf gebracht worden, doch wird die öffentliche Wahrnehmung seiner Arbeit von den zwischen 1920 und 1946 entstandenen Architektur- und Luftbildaufnahmen dominiert.

1970, ein Jahr nach seinem Tod, gelangte das Bildarchiv von Walter Hahn in die Deutsche Fotothek, wo es heute zu den bedeutendsten Beständen der umfangreichen Sammlung gehört. Vor allem die Dokumente städtebaulicher und naturräumlicher Entwicklung machen die etwa 15 000 Glasnegative umfassende Sammlung zu einer einmaligen Quelle. Hahns frühe, seit 1904 entstandenen Aufnahmen sind dem Klettersport gewidmet; rund 1600 dieser in der Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge bis um 1923 angefertigten Motive sind erhalten. Nach 1920 werden Aufnahmen sächsischer Orte, ihrer Architektur und von Landschaften zum Hauptthema seiner Arbeit. Insgesamt 9700 solcher Negative, darunter viele in der Sächsischen Schweiz fotografierte, sind überliefert. Hinzu kommen etwa 650 ab 1915 in den Alpen entstandene Landschaftsfotografien. Kernbestand des Nachlasses sind 2400 Aufnahmen Dresdener Architektur sowie 950 Luftbilder der meisten sächsischen Städte. Diese brillanten, aufgrund der Kriegszerstörungen schon nach wenigen Jahren historisch gewordenen Fotografien waren und sind wesentliche Grundlage des Wiederaufbaus. Hahns Interesse an der Luftfahrt spiegelt sich darüber hinaus in 400 Aufnahmen von Flugzeugen, Zeppelinen und Flughäfen. Andere Themen sind dagegen kaum und nur in kleinen Mengen vertreten, so zum Beispiel 65 Vorlagen für Weihnachtskarten, 150 Tieraufnahmen oder 300 ebenfalls für die Postkartenproduktion bestimmte Blumen- und Baummotive. Auch Aufnahmen von Veranstaltungen gehörten nicht zu den Interessen Walter Hahns. Aufnahmen vom 1. Mai 1933 oder dem Deutschlandtreffen der FDJ 1950 bleiben Ausnahmen.

Desiderat geblieben ist bisher eine breiter angelegte Werkschau, für die das vorliegende Buch mit dem bedeutendsten Teil seiner Aufnahmen – den Luftbildern von Dresden – den Auftakt bilden kann. Die Faszination dieser Fotografien spiegelt sich auch in einem jüngst begonnenen Projekt des Kameramanns und Sammlers Ernst Hirsch, der zusammen mit dem Flieger und Fotografen Peter Schubert eine neue Befliegung der Stadt mit Hahns Original-Luftbildkamera, ein Produkt der Ernemann-AG aus dem Jahr 1914, begonnen hat.

Anmerkungen:
[1] Geboren am 16. April 1862 in Zwickau.
[2] Geboren am 4. April 1863 in Berthelsdorf bei Herrnhut.
[3] Hahns zweite Frau Gertrud berichtete 1964 über spätere Aufnahmen in der Sächsischen Schweiz: "Er ging mit der Plattenkamera im Rucksack, weitere Kameras umgehängt. Ich trug den Plattenkoffer und Stative. Aufnahmen wurden jedoch nur gemacht, wenn ‚Hahn-Wolken' am Himmel standen. Wenn nicht, wurde wieder eingepackt. Und oft fühlten sich vorbeikommende Zuschauer zum Lachen und Spötteln veranlasst, wenn er so verharrend unter dem schwarzen Tuch steckte." Zit. nach Eva-Ursula Petereit: Seine große Liebe: die Sächsische Schweiz. Zum 100. Geburtstag von Walter Hahn 1989, http://www.1999er.gipfelbuch.de/page114.htm (26. August 2008).
[4] Mscr.Dresd.App.2633, 30.
[5] Mscr.Dresd.App.2633, 30.
[6] Mscr.Dresd.App.2633, 30.
[7] Mscr.Dresd.App.2633, 30.
[8] Rainer Ponier: Fotokunst auf begehrten Ansichtskarten, in: Sächsische Zeitung, 24. November 1994.
[9] Geboren am 10. April 1900 in Dresden.
[10] In einer Gewerbeschadensanzeige vom 31. August 1945 ist eine genaue Aufstellung seiner Dunkelkammerausstattung und seines Aufnahmeraumes enthalten, vgl. Mscr.Dresd.App.2633, 20b.
[11] Mscr.Dresd.App.2633, 906.
[12] Vgl. Stephan Klingen, Christian Fuhrmeister u.a. (Hrsg.): "Führerauftrag Monumentalmalerei". Eine Fotokampagne 1943-1945, Köln, Weimar, Wien 2006.
[13] Mscr.Dresd.App.2633, 888-11.
[14] Mscr.Dresd.App.2633, 7a.
[15] Mscr.Dresd.App.2633, 888-3.
[16] Mscr.Dresd.App.2633, 888-2
[17] Mscr.Dresd.App.2633, 127.
[18] Mscr.Dresd.App.2633, 7b. Diese Version wird von dem Fotografen Richard Peter in einem Schreiben an den Verband Deutsche Presse vom 21. Januar 1951 bestätigt, vgl. Mscr.Dresd.App.2633, 906.
[19] Roland Ander: "Einmaliges Erbe eines Fotografen", in: Union, 13./14. Februar 1982.
[20] Mscr.Dresd.App.2633, 12.
[21] Mscr.Dresd.App.2633, 13.
[22] Mscr.Dresd.App.2633, 14a/b.
[23] Mscr.Dresd.App.2633, 15.
[24] Mscr.Dresd.App.2633, u.a. 25, 28.
[25] Mscr.Dresd.App.2633, 40.
[26] Mscr.Dresd.App.2633, 37.
[27] Mscr.Dresd.App.2633, 39.
[28] Mscr.Dresd.App.2633, 42.
[29] Mscr.Dresd.App.2633, 43.
[30] Mscr.Dresd.App.2633, 45.
[31] Mscr.Dresd.App.2633, 54.
[32] Mscr.Dresd.App.2633, 64.
[33] Mscr.Dresd.App.2633, 899.