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Herkunft und Entstehungszeit

Die Dresdner Maya-Handschrift, der »Codex Dresdensis« (Signatur: Mscr.Dresd.R.310), ist nach heutigem Kenntnisstand eine im Kontext mexikanisch beeinflußter Mayakultur entstandene Abschrift oder Neuausgabe einer älteren, nicht erhalten gebliebenen Vorlage aus dem Südgebiet der klassischen Mayakultur. (vgl. Thomas S. Barthel, 1952). Aufgrund der Anfangs- und Enddaten der astronomischen Konjunktionen datierte J. Eric S. Thompson (1972, S.15, 16) die Abschrift auf 1200 bis 1250. Somit könnte der Codex aus dem nördlichen Yucatán stammen, wo zwischen 1200 und 1450 das letzte große Gemeinwesen der Mayas existierte.

Gegen spätere Datierung (15. Jahrhundert) sprechen stilistische Anklänge an die Hieroglypheninschriften der Stelen von Chichén Itzá (10. bis 12. Jahrhundert) (vgl. Maya-Handschrift: Kommentar Deckert, 1962, S. 19). Andererseits wies Nikolai Grube jüngst auf die in der Dresdner Handschrift dargestellten Räuchergefäße hin, die in dieser Form erst im 15. oder gar 16. Jahrhundert gebräuchlich gewesen seien (vgl. M. Zick, Handbuch für Wahrsager, in: Bild der Wissenschaft 10 [2009], S. 75).

Außer der Dresdner Handschrift sind noch zwei weitere zweifelsfrei originale Codices der am 12. Juli 1562 auf Anordnung von Diego de Landa, des späteren Bischofs von Yucatán, vorgenommenen Verbrennung von Maya-Schriften als Zeugnissen des Aberglaubens und der Götzenverehrung entgangen und haben den Weg nach Europa gefunden:

Der Codex Tro-Cortesianus (Madrid, Museo de América): Der in zwei Teilen überlieferte, insgesamt 7 m lange Codex ist nachlässiger in der Ausführung, weshalb man ihn auch erst in das 15. Jh datiert. Digitalisate

Der Codex Peresianus (Paris, Bibliothèque Nationale de France, Fonds Mexicain, No. 386)  wurde 1859 in einem Müllkorb der damaligen kaiserlichen Bibliothek zu Paris gefunden. Er ist mit 1,40 m die kürzeste, nicht vollständig erhaltene Handschrift (11 Blätter, in sehr fragilem Zustand). Die Beschriftung und Bemalung ist nur noch im Mittelteil der Seiten zu erkennen. Er wird auf ca.1300-1500 datiert. Digitalisate

Der Codex Grolier, 10 Seiten eines ehemals zwanzig Seiten umfassenden Venuskalenders aus dem 13. bis 14. Jahrhundert wurde in einer Höhle im Hochland von Chiapas gefunden und 1971 Josué Saenz zum Kauf angeboten. Saenz schenkte das Fragment der mexikanischen Regierung, die es jedoch nicht öffentlich zugänglich aufbewahrt. (Vgl. Coe, 1995, S. 310ff). Eine Radiokarbondatierung bestätigte zwar die Echtheit des Beschreibstoffes, aber die Echtheit der Bemalung wurde von führenden Forschern wie Thompson ("The Codex Grolier", in: Contributions of the University of California 27 (1975) 1, S.1–9; "The Grolier Codex", in: The Book Collector 25 (1976) 1, S. 64–75), Claude Baudez ("Venus y el Códice Grolier", in: Arqueología Mexicana 10 (2002) 55, S. 70–79; 98–102) und  Susan Milbrath ("New Questions Concerning the Authenticity of the Grolier Codex", in: Latin American Indian Literatures Journal 18 (2002) 1, S. 50–83) in Zweifel gezogen.

Inhaltlich handelt es sich in allen Fällen um Codices, die sich mit dem Kalender und seinen Auswirkungen auf das Alltagsleben befassen. Almanache für Glücks- und Unglückstage, Listen von Tagen, an denen Krankheiten drohten, Almanache für die Landwirtschaft, für Wind und Regen und für die Bienenzucht. Ritualkalender für die Durchführung von Opferzeremonien und Tabellen von Venusphänomenen und Sonnenfinsternissen, Multiplikationstafeln für Kalenderberechnungen und Tafeln zur Ausführung von Neujahrszeremonien. (vgl. Grube, 1994, S. 42,43)

Obgleich alle erhalten gebliebenen Maya Codices aus der Postklassischen Zeit stammen, ist die Verwendung von Büchern aus Ficusrinde schon in der Klassischen Zeit nachweisbar. Das Wort ju'un für »Buch« ist in den Mayasprachen identisch mit dem Wort für "Amate", den Beschreibstoff der Handschriften. Die Bücher wurden in Leporelloform gefaltet und zum Schutz mit Holzdeckeln versehen, die mit Jaguarfell überzogen wurden. Von der hochentwickelten Buchkultur zur Blütezeit der Mayakultur zeugen Inschriften mit dem Adelstitel aj k'u jun, "der von den heiligen Büchern", die Hinweise auf die Hüter der Handschriften geben. (Vgl. Grube, 1999, S. 84) Die Forschung verfügt über Hinweise, daß die Anfertigung von Abschriften und Kopien in eigens dafür bestimmten Zentren erfolgte, die für die in den Gemeinden tätigen Mayapriester zur Ausübung ihres Gottesdienstes bestimmt waren. Die leeren Seiten im Codex Dresdensis weisen darauf hin, daß die Handschrift nicht in einem einzigen Arbeitsgang erstellt, sondern laufend vervollständigt wurde. Einige Weissagungskalender blieben unvollständig, wo die mit roter Farbe geschriebenen Koeffizienten der Tage des Tzolkin einzufügen wären (z.B. Folio 16). Zimmermann (1956) identifizierte 8 unterschiedliche Schreiber, vermutlich Priester, die nacheinander das Amt des Schreibers erbten und den Text vervollständigten. (Vgl. Grube, 1999, S. 239).

Epochen der Mayazeit:

•    Präklassische Periode der Mayazeit: 2600 v.Chr. - 250 n.Chr
•    Klassische Periode: 3. - 10. Jahrhundert
•    Postklassische Periode: 10. - 14. Jahrhundert
•    Kolonialzeit: 16. Jahrhundert ff