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Der ‚Der Giftpilz‘ – Stigmatisierung und Hass als Lernziel

Marina Münkler: Kat. Nr. 10–14

Das 1938 im Stürmer-Verlag erschienene Kinderbuch Der Giftpilz verpackt die antisemitische Ideologie des Nationalsozialismus in eine Reihe von Erzählungen, die bei Kindern negative Emotionen gegen Juden schüren (Penke 2019: 71f.). Die Bilder aus der Hand des Stürmer-Karikaturisten Philipp Rupprecht (alias „Fips“) visualisieren den Antisemitismus der Texte; beide produzieren Angst und Ekel.

Unter der Bezeichnung „Stürmer-Jude“ waren diese Stereotypisierungen weithin bekannt, da Rupprecht im selben Stil tausende Karikaturen angefertigt hatte, die immer wieder den als bösartig markierten ‚Juden‘ zeigten (Schwarz 2010). Der Stil der Zeichnungen stand in einer langen Tradition antisemitischer Karikaturen im Kaiserreich und der Weimarer Republik (Schleicher 2009; Schäfer 2005), die Rupprecht ‚perfektioniert‘ hatte. Zwischen 1925 und 1945 zeichnete er mehrere tausend Karikaturen für den Stürmer-Verlag, die auf Grundlage physiognomischer Darstellungskonventionen des rassistischen Antisemitismus dem Grundschema eines „charakteristischen Zerrbildes, das alle negativen Zuschreibungen auf äußerliche Merkmale destillierte“ folgten (Linsler 2015: 478). Rupprechts Karikaturen waren das Markenzeichen des Stürmers und bildeten ein stabiles antisemitisches Zerrbild, in dem die Deutschen als Opfer ‚fremdländischer‘ Juden erschienen (Roos 2014: 425–429).

Der von dem fanatischen Antisemiten Julius Streicher herausgegebene Stürmer war das reichweitenstärkste Propagandamedium des Nationalsozialismus. Mit seiner auf jedem Titelblatt und auf den „Stürmerkästen“ gezeigten Parole „Die Juden sind unser Unglück“ trug er erheblich zur Verbreitung des rassistischen und aggressiven Antisemitismus bei (Kat. Nr. 10). Die Titelbilder inszenierten zumeist angebliche jüdische Gewaltverbrechen, wobei vorgebliche Kindermorde besonders häufig gezeigt und im reißerischem Stil behaupteter Aufklärung („Jüdischer Mordplan gegen die nichtjüdische Menschheit aufgedeckt“) inszeniert wurden (Kat. Nr. 11). Damit verankerte Der Stürmer schon seit 1925 das Wahrnehmungsmuster einer Bedrohung durch die ‚Juden‘: Die Deutschen sollten sich selbst als Opfer verstehen, die sich mit allen Mitteln verteidigen mussten.

In ähnlicher Weise verfolgte das antisemitische Kinderbuch Der Giftpilz die Stigmatisierung, Diffamierung und Dehumanisierung der jüdischen Bürger. Das Titelbild zeigt einen großen Giftpilz mit der typischen antisemitisch konstruierten ‚jüdischen‘ Physiognomie und in der dazugehörigen Geschichte werden die Juden mit Giftpilzen gleichgesetzt, die ‚ausgerottet werden müssen‘, weil sie das Volk ‚vergiften‘ (Kat. Nr. 12). Diese Dehumanisierungsstrategie setzen die illustrierten Geschichten fort, indem sie Ekel und Angst immer wieder neu kombinieren. Die erste gezeigte Doppelseite aus dem Buch verfolgt in erster Linie die Produktion von Ekel: Das Bild zeigt im Hintergrund links einen größeren und einen kleineren Jungen, die auf eine im Vordergrund stehende Gruppe von stereotyp als ‚Juden‘ charakterisierten Männern zeigt, auf die der kleinere Junge mit einem Ausruf des Abscheus reagiert (Kat. Nr. 13). Der größere Junge erklärt ihm daraufhin, weshalb er sich vor ihnen ekele: weil sie gar keine Deutschen, sondern ‚Ostjuden‘ seien. Der Kleinere wiederholt danach Ausdrücke des Ekels wie „verlaust“, „schmutzig“, „verschmiert“ und endet mit dem Ausruf „und die, die wollen Menschen sein?“ Während der Text die Jungen als selbstbewusst inszeniert, symbolisiert im Bild die zum Greifen aufgespreizte Hand des links stehenden ‚Juden‘ eine Bedrohung für die im Hintergrund zu sehenden Kinder.

Weitere fingierte Alltagssituationen erzeugen ein deutlich intensiveres Szenario der Angst: Der durch die Stereotypisierung seiner Physiognomie und Gestalt als ‚jüdisch‘ markierte, bösartig grinsende Kinderarzt hat die Tür zu seinem Sprechzimmer geöffnet, das in ein angsterzeugendes Dunkel getaucht ist (Kat. Nr. 14). Der Text ergänzt das, indem er insinuiert, der jüdische Kinderarzt sei in Wirklichkeit ein ‚Kinderschänder‘. der unter dem Deckmantel der Behandlung Kinder zu sich lockt, um sie zu vergewaltigen. Mit ähnlichen Angstszenarien arbeiten auch die weiteren Text-Bild-Kombinationen: Sie wiederholen die eingesetzten Stereotype des schmutzigen, bösartigen und blutrünstigen Juden und erzeugen damit Ekel, Angst und Hass – schon bei Kindern.

Mit ihrer Politik der negativen Emotionalisierung bereiteten Giftpilz und Stürmer die systematische Vernichtung der deutschen und europäischen Juden medial vor – und zwar für alle Altersgruppen. Die in ihnen angelegte Appellstruktur des „wir müssen uns wehren“ verdeutlicht den Zusammenhang von in Text wie Bild erzeugten Emotionen und Gewalt (Jensen/Schüler-Springorum 2013).

Literatur

Uffa Jensen, Stefanie Schüler-Springorum: Einführung: Gefühle gegen Juden. Die Emotionsgeschichte des modernen Antisemitismus, in: Geschichte und Gesellschaft 39 (2013), S. 413–442.

Carl-Eric Lisnler: Stürmer-Karikaturen, in: Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bd. 7: Literatur, Film, Theater und Kunst, Berlin 2015, S. 477–480.

Niels Penke: „Erlösung“ vom „Weltfeind“. Die antisemitischen Kinderbücher des Stürmer-Verlags, in: Christoph Bräuer, Hartmut Hombrecher (Hgg.): Zeit|Spiegel. Kinder- und Jugendliteratur der Jahre 1925 bis 1945. Katalog zur Ausstellung der Sammlung Wehner, Göttingen 2019, S. 69–76.

Daniel Roos: Julius Streicher und „Der Stürmer“ 1923 –1945, Paderborn 2014.

Julia Schäfer: Vermessen – gezeichnet – verlacht. Judenbilder in populären Zeitschriften 1918–1933, Frankfurt a. M. 2005.

Regina Schleicher: Antisemitismus in der Karikatur. Zur Bildpublizistik in der französischen Dritten Republik und im deutschen Kaiserreich (1871–1914), Frankfurt a. M. 2009.

Julia Schwarz: Visueller Antisemitismus in den Titelkarikaturen des ,,Stürmer“, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 19 (2010), S. 191–216.

Siegfried Zelnhefer: Der Stürmer. Deutsches Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit, publiziert am 05.09.2008, in: Historisches Lexikon Bayerns. Online: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Der_St%C3%BCrmer._Deutsches_Wochenblatt_zum_Kampf_um_die_Wahrheit