Selbstversorgung und Wirtschaftsbeziehungen

 

„Wer immer eine Kunst versteht, möge sie in aller Demut ausüben.“
Benediktsregel 57,1

„Ich komme in meinen Garten, meine Schwester Braut, ich pflücke meine Myrrhe samt meinem Balsam.“
Hohelied 5,1

 

Ein Kloster besaß oft ganze Dörfer und viele Felder, Wälder und Weinberge. Wie in einem großen Betrieb musste die Wirtschaft von den Nonnen organisiert werden. Jede Schwester übernahm spezielle Aufgaben und kümmerte sich um bestimmte Bereiche, etwa den Garten oder die Brauerei. Daneben beschäftigten sich die Nonnen mit Kunsthandwerk. Sie bestickten wertvolle Kleider für Kirchenmänner oder arbeiteten in der Buchbinderei.

Das Kloster vermehrte seit dem 13. Jahrhundert vielfach seine Besitzungen – Dörfer, Leibeigene, Wald- und Ackerflächen, Gärten, Zins- und Erbrechte – durch Stiftungen oder Ankauf, welche die wirtschaftliche Versorgung des Konvents garantierten und ihm überregional Einfluss verschafften. Die Aufgaben im Kloster verteilen sich bis heute unter den Schwestern auf verschiedene Ämter. Um die wirtschaftlichen Geschäfte kümmert sich die Kellermeisterin, die Entscheidungen aber trifft die Äbtissin, bis ins 20. Jahrhundert mit Unterstützung des Propstes oder des Visitators eines Männerklosters. Früher wurden außerhalb der Klausur die Arbeiten v.a. von männlichen Laien oder Konversen versehen. Die ältesten Überreste von Wirtschaftsgebäuden gehören zu einer vor 1683 erbauten Mühle. Im 18. Jahrhundert entstanden u.a. Wagenremisen (Garagen), mehrere Ställe, eine neue Mühle sowie eine Brauerei. Schon 1357 erhielt das Kloster von Kaiser Karl IV. das Privileg, Bier zu brauen, was im 18. Jahrhundert zu anhaltenden Streitigkeiten mit der Stadt Zittau um den Ausschank in einigen Klosterdörfern führte. Die Schwestern beschäftigten sich von jeher neben Hauswirtschaft und Verwaltung mit unterschiedlichen handwerklichen Arbeiten. Sie stellten aufwendig bestickte liturgische Gewänder und Textilien her (Paramentenstickerei), fertigten Kunstgegenstände, versorgten den Kloster- und Kräutergarten, bereiteten Medikamente zu, kümmerten sich um die Bibliothek und die Buchbinderei.

Karte der Besitzungen von St. Marienthal

Die Karte zeigt die Besitzungen des Klosters in drei Epochen. Der Besitz von Dörfern und Dorfanteilen im 13. Jahrhundert stammt vor allem aus Stiftungen und Schenkungen durch die umliegenden Adelsfamilien. Aktive Ankäufe sind ab dem 13. Jahrhundert in Klosterurkunden nachgewiesen. Die Besitzungen des 16. Jahrhunderts sind auf Grundlage einer Aufstellung aus dem Jahr 1555 verzeichnet. Das Kloster erwarb größtenteils gezielt in seinem unmittelbaren Umfeld. Mit den Dörfern besaß das Kloster auch Leibeigene, Steuer- und Zinsansprüche, Pfarrkirchen, Gerichtsbarkeit und Fischereirechte, Werkstätten, Wälder, Äcker, Weinberge und Gärten. 1833, kurz vor Auflösung aller Feudalverhältnisse, gehörten zum Kloster neben Ostritz noch mehr als 23 Dörfer bzw. Dorfanteile.

Gestickte Bursae

von links nach rechts:

Silberbrokat, reiche farbige Stickerei unter Verwendung von Pailletten und Glassteinen, mit Goldborte besetzt, rosafarbener Futterstoff, um 1760, Inv.-Nr. 30
Weißer Brokat, Rips, Hand- und Maschinenstickerei, Paillettenschmuck, mit Goldborten besetzt, um 1880,  Inv.-Nr. A 25
Cremefarbener Brokat, Vollstickerei, Goldborte, gelber Futterstoff, um 1750, Inv.-Nr. A 21
Seidendamast, mit Silberborten besetzt, gelbe Futterseide, um 1750, Inv.-Nr. 38

Eine Bursa hat die Form einer Tasche und dient zur Aufbewahrung des Korporale, eines weißen Leinentuchs, auf welches Kelch und Patene (Hostienschale) gestellt werden. Die Bursa wird außerdem als Abdeckung des Kelches beim Tragen zum Altar verwendet. Dort wird sie aufrecht präsentiert. Bis in die Gegenwart beschäftigen sich die Nonnen des Klosters mit sogenannter Paramentenstickerei. Paramente sind Textilien, die zu unterschiedlichen Zwecken im Kirchenraum und in der Liturgie Verwendung finden.

Buntpapiere

Das Kloster St. Marienthal hatte zeitweise eine Buchbinderei. Dort versahen die Nonnen und Angestellten die ungebundenen Buchblöcke mit entsprechenden Einbänden. Die Einbände wurden mit sogenannten Spiegelblättern mit dem Buchblock verklebt. Dafür wurden gelegentlich aufwendig gestaltete Buntpapiere verwendet. Beliebt waren auch hier vor allem florale Muster, wie sie sich auch in der Paramentenstickerei oder den Rokoko-Elementen im Bibliothekssaal finden.

Urkundenschrank

Die historischen Urkunden von 1234 bis 1883, welche u.a. die Besitzungen, geschäftlichen Beziehungen und Privilegien des Klosters bezeugten, wurden in zwei Schränken in datierten Umschlägen repräsentativ aufbewahrt. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wuchs die Angst vor möglichem Verlust, so dass man die Urkunden eiligst versteckte. Jedoch wurden sie durch Feuchtigkeit unwiederbringlich beschädigt. Heute sind die Umschläge daher leer.

Die so kluge als künstliche von Arachne und Penelope getreulich unterwiesene Hauß-Halterin

Das Buch enthält Anweisungen für kunsthandwerkliche Arbeiten v.a. für Blumendekore und Verzierungen mit unterschiedlichen Materialien. Diese Anleitung mit entsprechender Illustration beschreibt, wie aus Messingdraht durch Drehen und Biegen und mit Hilfe rund gedrehter Hölzer unterschiedlicher Größe Blütenblätter geformt werden können. Diese werden anschließend mit Hausenblase (Gelatine aus einer Fischblase) überzogen und bemalt. Während es für weltliche Damen aus Adel und Bürgertum zur standesgemäßen Beschäftigung gehörte, schufen die Nonnen Kunsthandwerkliches zur Ehre Gottes und für den Verkauf.

Kronen für Jesuskindfigur

Diese Kronen wurden im 18. Jahrhundert von den Nonnen in St. Marienthal handgefertigt. Sie bestehen aus fein gedrehtem und gebogenem Draht, filigran geschnittenen Metallstreifen und mit Metallfäden umwickelten Blattformen. Die verschiedenfarbigen Verzierungen bestehen aus Glassteinen und Perlmutt.

Der Niederländische Garten, bepflanzet mit Blumen, Obst und Orangerien (stehend)

Heinrich von Osten

Blumen-Gärtner-Kalender 2. Heft (aufgeschlagen)

Der Anbau von Obstbäumen, Zierpflanzen und Kräutern gehört zu den traditionellen Tätigkeiten zisterziensischer Klöster. Da die Nonnen sich aufgrund strengerer Klausur kaum außerhalb des Klosters aufhielten, pflegten sie die Gartenarbeit sowie die Herstellung von Kräutermedizin und Apotheken besonders intensiv, züchteten Blumen und Stauden und perfektionierten Pflege und Vermehrung von Pflanzen aller Art. Viele der Bücher dieses Sachgebiets enthalten handschriftliche Anmerkungen und Ergänzungen.

Vollständiges Kräuter-Buch Und Künstliche Conterfeyungen der Bäumen, Stauden, Hecken, Kräutern, Geträyde, Gewürtzen

Adam Lonitzer

Das Buch enthält Beschreibungen von Pflanzen, ihre Erkennungsmerkmale und Standorte sowie ihre medizinisch-pharmazeutische Bedeutung. Lonitzers Kräuterbuch wurde unter Verwendung zahlreicher Abbildungen aus anderen Publikationen in der Groß-Gart-Tradition zwischen 1560 und 1783 in 27 Auflagen gedruckt. Das Marienthaler Exemplar zeugt von der intensiven Beschäftigung mit der Kräuterkunde. Es enthält zahlreiche handschriftliche Notizen, Exzerpte, Rezepturen und Listen von lateinischen und deutschen Pflanzennamen.