Klösterliche Musikpflege

 

„Gott, ein neues Lied will ich dir singen, auf der zehnsaitigen Harfe will ich dir spielen.“
Psalm 144,9

 

Die Bibliothek besitzt eine große Sammlung alter Musikstücke aus der Zeit vom späten 18. bis ins 19. Jahrhundert. Diese Musik wurde im Gottesdienst und zur Freude gespielt. Forscher müssen noch herausfinden, wann und wo genau diese Musik gespielt wurde. Bei vielen Stücken kann man sehen, wem sie gehörten. Die Sammlung zeigt, dass die Nonnen von St. Marienthal Kontakt zu vielen anderen Klöstern und Musikern hatten.

Zur St. Marienthaler Bibliothek gehört neben dem Buchbestand eine umfangreiche Musikaliensammlung, die die klösterliche Musikpflege vom späten 18. Jahrhundert bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dokumentiert. Die überwiegend handschriftlichen Materialien dienten der Musikausübung im Gottesdienst, umfassen aber auch Instrumentalmusik für den privaten und – eigentlich – Konzertgebrauch. In welchen Kontexten diese Musik eingesetzt wurde, wäre genauer zu untersuchen. Erklangen die Ouvertüre zu Mozarts Zauberflöte und weitere Opernouvertüren in den Klostermauern? 

Die Musikalien sind in 22 nach Gattungen sortierten Paketen überliefert, die in den 1930er Jahren geschnürt wurden. Danach waren die Materialien offensichtlich nicht mehr in Gebrauch. Wie der Bestand über die Jahre aufgebaut wurde, lässt sich bisher nur ansatzweise rekonstruieren. Zahlreiche Stimmenmaterialien tragen Besitzvermerke. So scheinen insbesondere die Regentes chori – die Schwestern, die für die Leitung der Musik zuständig waren – Musikalien eingebracht zu haben. Musikmanuskripte kamen auch aus benachbarten Klöstern, so zum Beispiel aus St. Marienstern oder Ossegg/Osek. Eine umfangreiche Teilsammlung an Handschriften und Drucken geht auf Wenzel Semian zurück, der Mitte des 19. Jahrhunderts Kantor in Gabel/Jablonné v Podještědi bei Liberec war. Der Musikalienbestand spiegelt die Verbindungen, die die Nonnen von St. Marienthal zu anderen Klöstern und kirchlichen sowie musikalischen Akteuren der Region und darüber hinaus unterhielten.

 

„Und der König ließ Schnitzarbeiten machen aus dem Sandelholz im Hause des HERRN und im Hause des Königs und Harfen und Zithern für die Sänger."
1 Könige 10.12

 

Die Zauberflöte (Auszüge)

Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)

Messe A-Dur

František Xaver Pokorný

František Xaver Pokorný (1729–1794) stammt aus Mestec Kralove (Königstadtl in Mittelböhmen) und war später am Oettingen-Wallersteinschen und Thurn und Taxis'schen Hof tätig. In der St. Marienthaler Sammlung sind mehrere Messen von ihm vorhanden, die heute sonst vor allem in Tschechien und der Slowakei überliefert sind.

Messa di festa B-Dur

Joseph Schuster

Die Messa di festa von Joseph Schuster (1748–1812) ist ein außergewöhnlich reich besetztes Werk mit vierstimmigem Chor, Streichern, je zwei Flöten, Oboen, Fagotten, Hörnern sowie zwei Trompeten, Pauken und Orgel. Gerade Holzblasinstrumente sind in diesem Umfang in den St. Marienthaler Musikalien kaum anzutreffen. Die Komposition spiegelt eher den Reichtum der Musikpflege des Dresdner Hofes, für den Joseph Schuster ab 1772 als Kirchenkomponist wirkte. Zu welchen Anlässen die Messe in St. Marienthal erklang und mit welchen Musikern sie aufgeführt wurde, ist (noch) nicht bekannt. Die Musikproduktion des katholischen Hofes wurde in St. Marienthal nur sehr punktuell rezipiert.

Ave maris stella

Joseph Gellert

Der Hymnus Ave maris stella („Meerstern, sei gegrüßt“) wird zu den zahlreich begangenen Marienfesten in der Vesper gesungen. Die Vertonung von Joseph Gellert (1788–1842), zu der weitere Manuskripte in der Nationalbibliothek in Prag und der Bibliothek der Dekanatskirche in Teplice vorliegen, ist ursprünglich für Sopran und Bass Solo sowie Streicher, zwei Solobläser, zwei Hörner sowie optional Trompeten und Pauken besetzt. In seiner Bearbeitung für „das Orchester der geistlichen Jungfrauen zu Marienthal“ legte Johann Taft (1804–1889), u.a. „privilegierter Stifts­ Notenschreiber in Ossegg“, die Vokalstimmen in Sopran- und Altlage, bearbeitete die instrumentalen Solopartien für Solo-Violine und Solo-Violoncello und verzichtete im Orchester auf Holzbläser und Hörner. In dieser reduzierten musikalischen Besetzung gleicht die Bearbeitung anderen Werken, die in St. Marienthal in der Vesper genutzt wurden. Der Stimmensatz ist einer von  zahlreichen Belegen für den musikkulturellen Austausch zwischen den Klöstern der Region.

Zwei Nonnentrompeten

Die Nonnentrompete, auch Tromba marina, Marientrompete, Trompetengeige oder Nonnengeige genannt, ist ein Streichinstrument mit einer Darmsaite, das sich seit dem 17. Jahrhundert aus dem mittelalterlichen Trumscheit entwickelte. Ihr besonderer, einer Trompete ähnelnder Klang wird durch einen speziellen, in seiner Form an einen Schuh erinnernden Steg hervorgerufen, auf welchem die Saite am unteren Ende des Resonanzbodens ruht. Seine dünnere Spitze wird beim Anstrich der Saite in Vibration versetzt und schärft den Ton entsprechend.
Das Instrument wurde im deutschsprachigen Raum im 17. bis ins frühe 19. Jahrhundert insbesondere in Klöstern eingesetzt. Aus dem Kloster Marienthal sind sechs Nonnentrompeten überliefert, von denen zwei heute im Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig aufbewahrt werden.