Kampf um Kirche und Religion

 

„… und ward ein grosser Tumult im Convent.“
Johann Benedict Carpzov

„Wie ein purpurrotes Band sind deine Lippen und dein Mund ist reizend. Dem Riss eines Granatapfels gleicht deine Wange hinter deinem Schleier.“ 
Hohelied 4,3

 

Die Reformbewegung der Hussiten aus Böhmen und später die Reformation waren Wendepunkte in der Geschichte der Kirche und der Menschen in Europa. Sie führten zu großen Konflikten, die die katholische Kirche und Klöster wie St. Marienthal bedrohten und schließlich nachhaltig veränderten. Trotz aller Herausforderungen blieb das Kloster seiner katholischen Tradition treu und überstand diese schwierigen Zeiten.

Die spätmittelalterliche Gesellschaft Europas war sozial, wirtschaftlich und politisch in eine schwere Krise geraten. Viele Menschen machten dafür die Kirche verantwortlich, die durch Machtstreben und Verweltlichung in Misskredit geraten war. In Böhmen führte diese Kritik zur Gründung der Hussitenbewegung, benannt nach dem Theologen Jan Hus. Nach seiner Verurteilung als Ketzer und Hinrichtung 1415 gewann die Bewegung viel Zuspruch. Die Hussiten wollten die ursprünglichen christlichen Werte wiederherstellen und forderten Reformen in Kirche und Gesellschaft. 1419 begannen mit dem sogenannten ersten Prager Fenstersturz die Hussitenkriege (1419–1436). Die Aufständischen setzten ihre Forderungen auch mit militärischer Gewalt durch. 1427 zerstörten sie das Kloster St. Marienthal. Die Bewohnerinnen mussten nach Görlitz fliehen. Erst nach 30 Jahren kehrten sie zurück, denn so lange dauerte der Wiederaufbau des Klosters. Die Hussiten erschütterten die katholische Kirche tief. Ihr Widerstand bereitete den Boden für die Reformation, die 1517 mit Martin Luther begann. Diese Bewegung führte im 16. Jahrhundert zur Spaltung des westlichen Christentums. Die Reformation verbreitete sich auch in der Oberlausitz, zunächst in den Städten. Nach und nach erreichten die reformatorischen Gedanken auch das Kloster St. Marienthal. Einige Nonnen sympathisierten mit der Reformation, da sie lutherische Verwandte hatten. Nicht wenige Klosterdörfer wurden evangelisch. Zwischen 1573 und 1623 wurden drei Äbtissinnen wegen ihrer Haltung gegenüber reformatorischem Gedankengut abgesetzt. Dennoch blieb die Gemeinschaft aufgrund strenger Kontrollen durch Zisterzienseräbte und Kommissare der Diözese dem katholischen Glauben treu.

Karte der Hussitenbewegung und Reformation 1419–1618

Die Karte zeigt die Vorstöße der Hussitenbewegung zwischen 1419 und 1436 aus ihrem Zentrum um Prag und Tabor. 1427 wurden das Kloster St. Marienthal und die Stadt Ostritz von hussitischen Truppen verwüstet und niedergebrannt. 1429 zerstörten sie u.a. das Zisterzienserinnenkloster St. Marienstern und zahlreiche Städte und Dörfer der Ober- und Niederlausitz. Die Ergebnisse der Kirchenspaltung in katholische und lutherische Kirche bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618 sind als farbige Flächen dargestellt.

Über eine Urkunde betreffend ein Testament, dessen Wert dem Kloster St. Marienthal für den Wiederaufbau nach der Zerstörung durch die Hussiten 1427 hatte dienen sollen

Siegel der Urkunde Nr. 87

Es handelt sich um ein rotes Siegel in gelber Wachsschüssel mit Pergamentstreifen. Es zeigt den Evangelisten Johannes mit Nimbus (Heiligenschein), in der linken Hand den Schlangenkelch haltend und mit der rechten erhobenen Hand segnend. Die Schriftprägung lautet: CASPAR EPISCOPUS ECCLESIAE MISNENSIS.

Skulptur der Äbtissin Ursula II. Queitsch (Amtszeit 1600–1623)

Ursula II. Queitsch war die letzte Äbtissin, die aufgrund ihrer Haltung zur Reformation und angeblicher Regelverstöße im Amt abgesetzt wurde. Sie versuchte zwar etwa in Leuba und Reichenau wieder katholische Pfarrer einzusetzen, tolerierte aber auch lutherisches Gedankengut. Allerdings verweigerte sie sich der Visitation (Kontrolle) durch den Abt des Klosters Königsaal (Zbrazlav/Prag). Dieser soll durch seine tyrannische Weise, die Klosterstrenge wieder herzustellen, unter den Nonnen Angst und Schrecken verbreitet haben. Trotz Vermittlung durch Fürsprecher der Äbtissin wurde sie schließlich vom Visitator abgesetzt und von einer kaiserlichen Abordnung verhaftet. Nach einigen Jahren im Gefängnis kehrte sie in das Kloster zurück, wo sie zurückgezogen bis 1638 lebte. Der abgebrochene Äbtissinnenstab an der Skulptur symbolisiert das Ereignis ihrer Absetzung.

Äbtissin Agnes von Gersdorf stellt sich den Hussiten entgegen

Franz Karl Palko

Das Gemälde stammt von Franz Xaver Palko (1724–1767). In Wrocław geboren wirkte er in Böhmen, Wien, Prag, München und Ungarn; zeitweise war er Hofmaler in Dresden. Das Fresko zeigt die Äbtissin Agnes von Gersdorf (Amtszeit: 1426–1432), wie sie sich allein dem Überfall der Hussiten auf das Kloster entgegenstellt, das im Hintergrund bereits in Flammen steht. Im Vertrauen auf die Gottesmutter Maria bleibt Agnes unversehrt. Das symbolische Säulendenkmal trägt die Inschrift Dei Religioni Regique semper fidelis („Gott, der Religion und dem König ewig treu“).

Theologiae Christianae juxta Principia Jacobi Bohemii Teutonici

Der Sammelband aus religiös-kritischen, vorrangig lutherischen Schriften enthält auch eine Auseinandersetzung mit den theosophischen Ideen Jakob Böhmes. Böhme (1575–1624), Schuhmachermeister aus Görlitz ohne theologische Ausbildung, schrieb unter dem Eindruck von Reformation und Gegenreformation mystische Texte. Er wandte sich sowohl gegen die erstarrten Prinzipien und Riten des Protestantismus als auch die Kirche als Organisationsform überhaupt. Er trat vielmehr für eine unmittelbare Beziehung des Menschen zur göttlichen Botschaft ohne Vermittlung der Kirche ein.

Sermon des groß gelarten in gnaden erlauchten doctoris Johannis Thauleri predigerr ordens

Handschriftlich eingetragen wurden Psalm 19,10: Timor Domini sanctus, permanens in seculum seculi („Die Furcht des Herrn ist lauter, sie besteht für immer“), und der Beginn von Jesaja 58,1: clama ne cesses („Rufe aus voller Kehle, halte dich nicht zurück!“). Die Inkunabel (Buchdruck vor 1500) ist die erste Herausgabe von 84 deutschen Predigten, die dem Theologen und Mystiker Johannes Tauler zugeschrieben wurden. Tauler (um 1300–1361) war Dominikanermönch aus Straßburg und nach seiner Ausbildung in der Seelsorge von geistlich lebenden Frauen tätig. Für sie verfasste er diese Predigten. Martin Luther las und bewunderte Taulers Schriften, genauso wie später Jakob Böhme und andere reformatorische Persönlichkeiten.

Bericht über die beiden abgesetzten Äbtissinnen Ursula I. Laubig und Ursula II. Queitsch in der Zeit konfessioneller Auseinandersetzungen