Geistliche Lebensführung
„Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde.“
Benediktsregel 38,3
Die Nonnen im Kloster leben nach einem strengen Stundenplan. Sie beten mehrere Male am Tag. Dazwischen lesen sie geistliche Texte oder arbeiten in der Hauswirtschaft und in anderen Bereichen des Klosters. Diese Arbeiten und ihr Leben finden in einem abgeschlossenen Bereich statt. Dieser Bereich wird Klausur genannt. Nur die Nonnen dürfen die Klausur betreten.
Das Leben der Zisterzienserinnen ist geprägt vom Wechsel zwischen dem Stundengebet, der täglichen Heiligen Messe (Gottesdienst), der geistlichen Lektüre und der Arbeit in Wirtschaft und Haushaltung. Da nur ein geweihter Priester die Messe am Altar zelebrieren darf, verfügt die Kirche über eine sogenannte Nonnenempore oberhalb des Kirchenraums, auf der die Frauen ungesehen bleiben und ungestört auch ihre Gebete verrichten können. Die Nonnen widmen sich täglich der Lektüre geistlicher Texte als private Übung und beim liturgischen Vorlesen in Messe und Stundengebet. Zentral sind die biblischen Bücher, die Schriften der Kirchenväter und ‑lehrer sowie die Lebensbeschreibungen der Heiligen. Kapitel 48 der Benediktsregel bestimmt außerdem die Tischlesung durch eine Vorleserin. So werden mit den irdischen auch geistige Speisen aufgenommen. Erbauung und Betrachtung in Lektüre und Gebet sind aufgrund der strengeren Klausur in Frauengemeinschaften besonders ausgeprägt, was sich in der Zusammensetzung des Buchbestandes der Bibliothek von St. Marienthal widerspiegelt.
Benedikt übergibt seine Regel der ganzen Welt
Der Tagesablauf in einem Zisterzienserinnenkloster ist streng nach der Regel des Heiligen Benedikt von Nursia geordnet und unterscheidet sich kaum von dem der Männerklöster. Unterschiede bestehen zwischen Sommer-, Winter- und Fastenzeiten. Im Lauf der Ordensgeschichte wurden immer wieder Anpassungen vorgenommen. Die Graphik zeigt die aktuelle Form der Tagesordnung. Alle 150 Psalmen werden wöchentlich mindestens ein Mal gebetet. Hinzu treten verschiedene Gesänge (Cantica, Hymnen) und Wechselgesänge (Responsorien, Versikel), kurze Schriftlesungen (Kapitel) und Gebete. Nach der Terz wird täglich die Heilige Messe gefeiert. Zu dieser gehört außerdem die Lesung aus den Evangelien. Zentraler Bestandteil des Tagesablaufs sind außerdem private und gemeinschaftliche geistliche Lektüren.
Kurtze Lebens Verfassung Der Heiligen und Seeligen Auch Berühmbten Männer Deß Heiligen Cistercienser Ordens
Claude Chalemot
Eine wahrscheinlich St. Marienthaler Leserin hat dem Titel „Der Heiligen und Seeligen Auch Berühmbten Männer“ selbstbewusst u. Frauen hinzugefügt. In der Tat enthält das Buch auch die Lebensbeschreibungen zahlreicher geistlicher Frauen, darunter der Mutter Bernhards von Clairvaux, Adelheid, sowie seiner Schwester Humbelina.
Neunfach abtrieffender Honigseim aus dem Leben und Tugenden des Honigfliessenden Kirchen-Lehrers Bernardi, … durch die Hochwürdige …, Anastasia Röslerin, zu S. Marienthal Ordinis Cisterciensis, regierender Abbatißin, zu Druck gebracht
Bernhard Rosa
Anastasia Rösler aus Eger/Cheb in Böhmen lebte als Großnichte der Äbtissin Klara Mühlwenzel schon als Kind in St. Marienthal. Nach ihrer Profess (Klostereid) wurde sie Leiterin der Klostermusik und Novizenmeisterin, ab 1764 Äbtissin. Sie vergrößerte nicht nur die umliegenden Besitzungen, sondern erweiterte auch das Kloster um mehrere Wirtschaftsgebäude, kümmerte sich um die würdige Ausstattung der Konventsgebäude und Kirchen der Klosterdörfer. Den Druck des vorliegenden Buches hat sie veranlasst.
Predigen Teütsch: vnd vil gütter leeren Des hoch geleerten herrn Johann von kaisersperg
Johannes Geiler von Kaysersberg
Der Schweizer Theologe Geiler von Kaysersberg (1445–1510) gilt als einer der bedeutendsten Prediger des Spätmittelalters in deutscher Sprache. Nach Studien in Freiburg im Breisgau und Basel wirkte er als charismatischer Prediger am Würzburger Dom und Straßburger Münster. Seine Predigten sind gekennzeichnet durch volkstümliche Derbheit und beißende Komik, mit denen er harsche Kritik an der Verweltlichung der Kirche übte und sich für Reformen aussprach. Seine deutschen Predigten erschienen noch zu Geilers Lebzeiten. Der Holzschnitt stammt von Hans Burgkmair dem Älteren.






