Dienst in und an der Welt

 

„An deinen Wasserrinnen – ein Granatapfelhain mit köstlichen Früchten, Hennadolden samt Nardenblüten.“
Hohelied 4,13

 

Das Kloster St. Marienthal verbindet seit Jahrhunderten Glaube, Fürsorge und Bildung. Von der Krankenpflege und Armenspeisung im Mittelalter bis zur Gründung von Schulen, Waisenhäusern und gemeinnützigen Einrichtungen zeigt sich sein kontinuierliches Engagement für die Gesellschaft. Trotz schwieriger Zeiten, wie unter der Herrschaft des Nationalsozialismus und in der DDR, bewahrten die Nonnen ihre Tradition der Hilfe und Bildung. Sie führen sie bis heute im Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) fort.

Das Zisterzienserinnenkloster blickt auf eine lange Tradition der Fürsorge und Bildung zurück. Im 14. Jahrhundert wird in St. Marienthal ein klostereigenes Krankenhaus, ein sogenanntes Infirmarium, erwähnt. Ob dort auch Menschen behandelt wurden, die nicht zum Kloster gehörten, ist unklar. Sicher ist jedoch, dass die Nonnen arme Menschen verpflegten und Witwen in der nahegelegenen Stadt Ostritz unterstützten. Die Erziehung von Kindern war von Anfang an eine Aufgabe der Zisterzienserinnen. In St. Marienthal unterrichteten die Nonnen Mädchen aus der Umgebung. Im Jahr 1838 gründeten sie eine Mädchenschule und ein Waisenhaus. Bis heute finden sich in der Klosterbibliothek Bücher aus dieser Zeit zu verschiedenen Unterrichtsfächern und Erziehungsfragen. Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde ein Teil des Klosters in ein Kriegslazarett umgewandelt, in dem die Schwestern verletzte Soldaten pflegten. Im 20. Jahrhundert sicherten gemeinnützig  Einrichtungen, wie solche für Menschen mit geistiger Behinderung, das Fortbestehen des Klosters. 1992 wurde die Stiftung „Internationales Begegnungszentrum St. Marienthal“ (IBZ) gegründet. Sie fördert bis heute Bildung und Demokratiearbeit in Ostsachsen und über Ländergrenzen hinweg.

Werbeanzeige für den St. Marienthaler Universal-Balsam

Der Anbau von medizinischen Kräutern und die Herstellung von Arzneien hat eine lange Tradition in St. Marienthal. Mindestens seit dem 18. Jahrhundert wird der sogenannte Klosterbalsam nach einem Rezept aus Kräutern, Ölen, Wachs und Harzen hergestellt. Das Herstellungsverfahren soll auf den italienischen Alchemisten und Arzt Giuseppe Francesco Borri (1627–1695) zurückgehen. Dieser galt schon zu Lebzeiten als durchaus erfolgreicher Scharlatan, der wegen des Vorwurfs der Häresie von der Inquisition verfolgt, symbolisch hingerichtet und schließlich eingekerkert wurde. Sein Universal-Balsam wurde öfter kopiert und erfolgreich vermarktet. Die Werbeanzeige weist sich als eine Übersetzung aus dem Italienischen aus.

Dosen mit St. Marienthaler Klosterbalsam St. Marienthal, 1938 und 2024

Bis zum heutigen Tag wird im Klosterarchiv ein Rest der letzten originalen Ansetzung des seit Jahrhunderten verwendeten Klosterbalsams aufbewahrt. Sie stammt mutmaßlich von 1938. Seit einigen Jahren wird der Balsam nach fast 60-jähriger Unterbrechung wieder unter Gebet zubereitet und im Klosterladen zum Kauf angeboten.

Dose mit St. Marienthaler Klosterbalsam St. Marienthal, 2024

Ursprünglich empfohlen wurde der Universal-Balsam zur Einnahme wie auch zur Einreibung von Kopf und Gliedern. Physische Gebrechen, Erkältungen, Muskel- und Gliederschmerzen, Schlaf- und Verdauungsstörungen bis hin zu Verbrennungen, Lähmungen und Schlaganfällen sollten ebenso damit behandelt werden wie die mentale Verfassung, die Stimmung, der Alterungsprozess und das Immunsystem. Heute wird der Klosterbalsam nur noch zur äußeren Anwendung empfohlen.

Confect-buch vnd Hauß Apoteck

Walther Hermann Ryff

Dieses auf dem Einbanddeckel als Havszapoteck („Hausapotheke“) bezeichnete Bändchen enthält eine der pharmazeutischen Schriften von Walther Hermann Ryff. Ryff hatte allein in den 1540er Jahren etwa 200 Werke zu Medizin und Arzneikunde, Architektur und Mathematik veröffentlicht, wobei er vor allem als Herausgeber und Redaktor fungierte. Als Wissensvermittler hatte er ungeheuren Erfolg. Die Schriften erfuhren mehrfache Auflagen und waren weit verbreitet. Selbstverständlich durften sie auch in der St. Marienthaler Bibliothek nicht fehlen.

Kurtzes Handtbüchlein vnd Experiment vieler Artzneyen

[Walther Hermann Ryff]

Diese seltene spätere Ausgabe des seit 1550 in mehreren Auflagen verbreiteten zweiteiligen Werkes enthält eine kurze Krankheitslehre und ein umfassenderes Kräuterbuch. Letzteres illustriert mit 185 Holzschnitten mitteleuropäische Kräuter, beschreibt ihre Heilwirkungen und medizinische Anwendung. Die handschriftliche Eintragung notiert Rezeptur und Wirkung von Stabwurz (Eberraute) sowie Zubereitungen mit foenum graecum (Bockshornklee) und Mauerraute. Da es sich um ein durchschossenes Exemplar handelt, in dem leere Seiten eingebunden sind, war es für derlei Aufzeichnungen vorgesehen.

Freywillig-Auffgesprungener Granat-Apfel

Eleonora Maria Rosalia von Troppau

Das Hausmittel-Rezeptbuch enthält neben 1.700 Rezepturen für naturkundliche und medizinische Heilmittel auch 500 Kochrezepte für diätische Heilverfahren. Das Buch erfreute sich großer Beliebtheit. Es wurde von Ignatius Voigt in Wien erstmals 1695 herausgegeben, 1710 erschien bereits die 6. Auflage. Auch die Nonnen des Klosters St. Marienthal schätzten das Buch der österreichischen Fürstin von Liechtenstein, die den Autorinnennamen „von Troppau“ führte. In der Klosterbibliothek finden sich insgesamt sechs Exemplare des Werkes in drei verschiedenen Ausgaben.

Vollständiges Kräuter, und Hausarzneybuch

Jakob Hieronymus Brand

Das Buch enthält den zweiten Teil eines umfänglichen Werkes über Kräuter, Bäume und Stauden. Kräuter- und medizinische Rezeptbücher finden sich zahlreich in der St. Marienthaler Klosterbibliothek. Das entspricht der regen Betätigung der Nonnen sowohl in der Anzucht von Heilkräutern und der Herstellung von Arzneimitteln sowie ihrem Engagement in der Krankenpflege. Gerade in diesen Büchern finden sich oft handschriftliche Aufzeichnungen. Hier wurden Spiegel- und Vorsatzbatt genutzt, um die lateinischen Mengenangaben auf Deutsch zu erklären.