Hohelied und Frauenspiritualität
„Den Garten des Paradieses betritt man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen.“
Bernhard von Clairvaux zugeschrieben
Schon im Mittelalter gründete der Zisterzienserorden Klöster für Frauen. Ein besonders berühmtes Kloster befand sich in Helfta bei Eisleben. Dort verfassten Nonnen wie Mechthild von Hackeborn und Gertrud von Helfta heute noch bekannte Schriften. In diesen geht es um spirituelle Erlebnisse und die Nähe zu Gott auf Erden.
Zunächst waren die Mitglieder des Zisterzienserordens ausschließlich Männer. Schon bald aber und gegen anfängliche Widerstände suchten bestehende Frauengemeinschaften, angezogen von der asketischen Spiritualität, Anschluss und Aufnahme in den Orden. Besondere Wirkmacht entfalteten Bernhards 86 Predigten zum Hohelied des Alten Testaments über die leidenschaftliche und sehnsuchtsvolle Beziehung zwischen Braut und Bräutigam. Der Zisterzienser deutet das Liebesgeschehen als mystische Beziehung zwischen der Seele und Gott, den Ort der Liebesbegegnung als Paradiesgarten der klösterlichen Tugenden. Diese intime Auslegungsweise inspirierte neben vielen anderen auch die Nonnen im Kloster St. Marien bei Eisleben, die schon 1229 die Regel der Zisterzienser angenommen hatten und ab 1258 in Helfta siedelten. Im 13. Jahrhundert war das Kloster unter der Äbtissin Gertrud von Hackeborn das Zentrum der Frauenmystik. Dort fassten Mechthild von Hackeborn, Gertrud von Helfta (die Große) und schließlich auch Mechthild von Magdeburg ihre für Jahrhunderte spirituell einflussreichen visionären Gotteserfahrungen aus der klösterlichen Praxis von Liturgie, Meditation und Gebet in Worte.
Sermones de tempore et de sanctis et de diversis
Bernhard von Clairvaux
S. CXVIII: Beginn der ersten Predigt De virginibus („Über die Jungfrauen“): „Weisheit überwindet die Bosheit. So wie Weisheit den Geschmack des Guten trägt, so hat Bosheit den Geschmack des Bösen. Nagel für Nagel wird so ausgetrieben, damit das Böse sichtbar werde durch die guten Dinge, die kommen werden. Denn durch Tugend und Weisheit wurde er der erste Helfer Gottes und des Menschen, Jesus Christus, der für uns das Kreuz erlitten hat. [...]“
Von wem und wie das iunckfrawen closter Helffede … dorinne die seligen iunckfrawen Mechtildis vnd Gerdrudis … gestifftet vnd vorandert wurden
Das Titelblatt trägt den Besitzvermerk Ex Bibliotheca Mariae Vallensi Ao 1752 constructa. Dies bedeutet, dass das Buch vermutlich schon vor der Errichtung der Bibliothek in St. Marienthal vorhanden war. Handschriftlich nachgetragen sind die dem Druck fehlende Angabe von Erscheinungsjahr und -ort: „im Jahr des Herrn 1503 zu Leipzig“. Außerdem finden sich verschiedene Einträge, wie Meyn allez (am oberen Rand und unter dem Titel) sowie am rechten Rand beschnitten, wahrscheinlich Min libe fraw.
Verteutschtes Cistercium Bis-Tertium, Oder Cistercienser Ordens-Historie
Augustinus Sartorius
Augustinus Sartorius, der Verfasser des Buches, war Mönch im Zisterzienserkloster Ossegg/Osek, das im 18. und 19. Jahrhundert die Visitation (Kontrolle) von St. Marienthal übernahm. Die Kupferstiche dieses Buches dienten als Vorlagen für den Bilderzyklus, mit dem die St. Marienthaler Äbtissin Anastasia Rösler die Nonnenempore ausschmücken ließ. Die Bildunterschrift des Kupferstichs von Bernhard von Clairvaux nennt seinen Beinamen, Doctor mellifluus, in deutscher Sprache, „honigfließender Lehrer“, der insbesondere seine Einfühlsamkeit als Prediger ehrt.
Gertruden-Buch … Darinn Das wahre Marck der … Gertruden und Mechtilden Theils mündlich theils durch den Heiligen Geist offenbarter Gebetlein
Die Beliebtheit der Helftaer Zisterzienserin Gertrud die Große ist bis heute in St. Marienthal wie allgemein ungebrochen. Gertruden-Bücher wurden in zahlreichen Auflagen bis ins 21. Jahrhundert gedruckt. Links zeigt ein Kupferstich Gertrud von Helfta mit Spruchband, In corde Gertrudis invenies me („Im Herzen von Gertrud wirst du mich finden“), und Mechthild von Hackeborn mit aufgeschlagenem Buch, Himmlische Offenbarungen. Darunter der Hoheliedvers 4,9: „Du hast mir mein Herz verwundt, meine Schwester, meine Braut“. Rechts: Besitzvermerk Ex Bibliotheca Mariae Vallensi Ao 1752 constructa.



