Bernhard von Clairvaux – der honigfließende Lehrer
„Ein Beutel Myrrhe ist mir mein Geliebter, der zwischen meinen Brüsten ruht.“
Hohelied 1,13
Ein besonders wichtiger Mann für alle zisterziensischen Gemeinschaften ist der Heilige Bernhard von Clairvaux. Er erklärte den Menschen die Texte der Bibel wie ein Dichter. In seinen Schriften beschäftigte er sich viel mit der Seele des Menschen und dem Leben im Kloster. In einem einsamen und schwer zugänglichen Tal in Frankreich gründete er das berühmte Kloster Clairvaux, das „Helles Tal“ bedeutet.
Der Hohelied-Vers 1,13 wurde 1874 auf einem mit Pergament bezogenen Holztäfelchen entdeckt, als man die Reliquien des Bernhard von Clairvaux untersuchte. Der Text war dem Toten vermutlich in die gefalteten Hände auf die Brust gelegt worden. Der berühmte Zisterzienserabt hatte den Vers für die Ordensbrüder so ausgelegt, dass sie an den Zweigen des Myrrhenbüschels die Leiden Christi erkennen sollten. Mit Bernhard erlebte der Zisterzienserorden eine rasche und reiche Blüte. 1115 wurde der geistige Führer selbst in das Valle de l’absinthe (dt. „Wermuttal“) in der Diözese Langres ausgesandt. Das abgelegene Tal war zu dieser Zeit eine Einöde, die in Nachahmung der Wüsteneremiten und -mönche, von denen die Zisterzienser in den Schriften des Johannes Cassianus und den Vitae Patrum (dt. „Leben der Väter“) lasen, dem idealen Ort für eine Klostergründung entsprach. Sie nannten ihn Clara Vallis (dt. „Helles Tal“ , fr. Clervauz/Clairvaux). Bernhard deutete die Kargheit des Ortes später als Demut, in der gemeinsam mit der pflanzlichen die geistliche Fruchtbarkeit über den Hochmut siegt.
Bildnis Bernhards von Clairvaux
J. Thomas Eyselt
Das wahrscheinlich ehemalige Altarbild (vgl. das sehr große Format) stellt den Heiligen Bernhard dar. Die von Putten gehaltene Kartusche ehrt ihn als ersten Abt von Clairvaux und mit seinem Beinamen Doctor mellifluus („Honigfließender Lehrer“). Der Name erinnert an Hohelied 4,11: „Von deinen Lippen, Braut, tropft Honig; Milch und Honig ist unter deiner Zunge.“ Im oberen Bildbereich sind links Christus am Kreuz, rechts die Gottesmutter Maria dargestellt. Die beiden Frauenfiguren unten sind Ecclesia (die christliche Kirche, links) und Religio (Fides/Glaube?). Am rechten Bildrand sind die besiegten Ketzer und in ihrem Rücken die Schriften Bernhards verbildlicht. Als das Gemälde entstand, war Theresia II. Senfftleben Äbtissin. Sie veranlasste auch die Einrichtung der Bibliothek. Das Gemälde befindet sich heute in einem Gang im Untergeschoss des Nordflügels des Konventsgebäudes.
