Bauen und Erbauen

 

„Ein Kloster ohne Bibliothek ist wie eine Burg ohne Waffenkammer.“
Gottfried von St. Victor

„Zedern sind die Balken unseres Hauses, Zypressen die Wände.“
Hohelied 1,17

 
Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Kloster durch Kriege, Brände und Hochwasser immer wieder schwer beschädigt oder zerstört. Das prächtige Gebäude des Klosters, das wir heute sehen, entstand im Wesentlichen im 18. Jahrhundert. Auch die beeindruckende Bibliothek wurde damals gebaut. Vorbild war die Bibliothek des Zisterzienserklosters Ossegg/Osek in Tschechien.

Über die Jahrhunderte wurde das Kloster immer wieder durch verheerende Brände und Überschwemmungen ganz oder teilweise zerstört. Doch jedes Mal konnte es mit großem Aufwand gemäß den Möglichkeiten, den Erfordernissen und dem Zeitgeschmack wieder errichtet, verändert und ausgebaut werden. Eine Blütezeit für die Architektur und Ausstattung des Klosters war das 18. Jahrhundert und besonders unter den Äbtissinnen Theresia II. Senfftleben (Amtszeit 1737–1753), Anastasia Rösler (Amtszeit 1764–1784) und Theresia III. Hrzán von Harras (Amtszeit 1784–1799). Ein Höhepunkt des barocken Klosterneubaus war 1752 die Einrichtung der Saalbibliothek im ersten Obergeschoss des Konventsgebäudes. Vorbild ist die 1725 vollendete Bibliothek der Zisterzienserabtei Ossegg/Osek in Tschechien. Überdacht von einem Tonnengewölbe mit einem imposanten Deckengemälde gelangt man vom Bibliothekssaal über zwei schmale Treppen auf eine von Bücherregalen flankierte Galerie.

Ostritz Marienthal: Grundriss des ersten Obergeschosses

Gerhard Hofert

Porträt Bonifacius Procházka (1691–1768)

Unbekannter Meister

Das Gemälde zeigt den Propst Bonifacius Procházka in Ordenskleidung und in Architektenpose. In der Hand hält er mutmaßlich den Plan der barocken Klosteranlage von St. Marienthal. Bis in die Neuzeit stand jedem Frauenkloster ein Vertreter eines Männerklosters vor. Der Propst übernahm den priesterlichen Dienst und die Aufsicht. 1740 bis 1769 erfüllte Bonifacius Procházka aus der Zisterzienserabtei Saar/Žd’ár in Mähren diese Aufgabe und residierte in der Propstei von St. Marienthal. Gemeinsam mit der Äbtissin Theresia II. Senfftleben verantwortete er die komplett neu gestalteten Konventsgebäude, v.a. den Westflügel mit dem Ehrenhof (1752–1756) sowie die Errichtung der barocken Bibliothek (1752). Dort wird in der prominenten Inschrift auf der Galerie seiner Unterstützung gedacht: Adminiculante Bonifacio Praeposito („mit Hilfe des Propstes Bonifacius“).

Bautätigkeiten an der Klosteranlage von St. Marienthal

Die Errichtung der Klosterkirche wird vermutlich um 1230 begonnen worden sein. Weitere Bautätigkeiten im Mittelalter sind nicht sicher belegt. Es muss sie allerdings gegeben haben, da das Kloster wiederholt zerstört wurde. Den Umbau der Kirche um 1680 machte ein Großbrand drei Jahre später zunichte. Ab 1685 begann der Wiederaufbau im barocken Stil und eine stetige Erweiterung der Klosteranlage bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Klostermühle und Kloster St. Marienthal

Noch bis in das 20. Jahrhundert unterhielt das Kloster gewissermaßen einen landwirtschaftlichen Großbetrieb. Zur erweiterten Klosteranlage gehörten 1945 u.a. Stallungen und Scheunen, Getreideböden und Wagenschuppen, Schmiede, Schlosserei und Tischlerei, Mahl- und Schneidemühle, Geflügelhof, Schlachthaus, Bäckerei, Brauerei, Wäscherei, Näherei und Stickerei, Schreinerei, Glaserei und Buchbinderei, Gemüse- und Obstgarten sowie ein Elektrizitätswerk.

Kloster St. Marienthal von Süden

Grabplatte der Theresia II. Senfftleben

Theresia II. Senfftleben, in Liebenthal/Lubomierz in Niederschlesien geboren, legte 1685 die Profess (Ordensgelübde) im Kloster St. Marienthal ab. 14 Jahre war sie Priorin unter der Äbtissin Klara Mühlwenzel (Amtszeit 1720–1736), bevor sie selbst die Führung des Klosters übernahm. Sie war außerdem die erste Äbtissin in Deutschland, die nach einem Beschluss des Generalkapitels das goldene Brustkreuz tragen durfte. Sie veranlasste 1743 den Bau des noch heute bestehenden Konventsgebäudes und krönte es 1752 mit der Errichtung der barocken Saalbibliothek. Sie starb ein Jahr später. Ihre Nachfolge als Äbtissin trat Maria Theresia III. Hrzán von Harras an.

 

Inschrift der Klosterbibliothek St. Marienthal

Plan des Batiments de Citeaux

Auch die Abtei Cîteaux, das Mutterkloster des Zisterzienserordens, wurde im Laufe der Zeit wiederholt geplündert und zerstört. Ursprünglich waren nach der Bautradition der Zisterzienser alle Konventsgebäude um den Kreuzgang herum angeordnet. Dies folgte dem Gebot der Funktionalität und Einfachheit. 1760 wurden die Architekten Nicolas Lenoir (auch genannt le Romain) und Jean Caristie mit einem umfassenden Wiederaufbauprojekt beauftragt, das jedoch nur teilweise abgeschlossen wurde. Während der Französischen Revolution (1789–1799) wurden die Gebäude der Abtei verkauft und fast vollständig zerstört.

Lederschuhe

Bei Untersuchungen fand das Landesamt für Archäologie 2019 in einer Verfüllung im Fußboden des 1769/70 erbauten Gesindehauses (Wohnhaus der für Lohn Arbeitenden) mehrere Gegenstände, die das Alltagsgeschehen im Kloster dokumentieren: eine Dochtschere, Reste eines Kammes, benutzte Spindeln und mehrere Schuhe. Möglicherweise handelt es sich um sogenannte Depotfunde, bei den Schuhen eventuell sogar um bewusste „Bauopfer“. Gegenstände wurden an verschiedenen Stellen eines Hauses deponiert und sollten Schutz für Haus und Menschen im Verborgenen entfalten.

Bibliothek von Ossegg/Osek in Tschechien

Es wird vermutet, dass die St. Marienthaler Bibliothek nach dem Vorbild der Abteibibliothek des Zisterzienserklosters Ossegg ausgestattet wurde. Diese war 1725 nach Plänen des Architekten Octavio Broggio vollendet worden. Zwischen 1752 und 1756 errichtete auch der Ossegger Stiftsbaumeister Jakob Schwarz die Westfront des neuen Konventsgebäudes in St. Marienthal. Da das Frauenkloster im 18. und 19. Jahrhundert von Ossegg aus visitiert (kontrolliert) wurde, standen die Klöster in enger Verbindung.