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Schrift

Das Schriftsystem der Maya ist eine Mischung aus Logogrammen (Wortzeichen) und Silbenzeichen. Mit Hilfe der syllabischen Schriftzeichen konnten die Maya Wörter auch rein phonetisch schreiben. Derselbe Laut wurde oft von mehr als einem Zeichen wiedergegeben. Einige der phonetischen Zeichen können auch als Logogramme verwendet werden. Von den insgesamt etwa 1000 Zeichen der Maya-Schrift (ca. 700 Grundzeichen) konnten inzwischen etwa 90% mehr oder weniger sicher entziffert werden. Etwa 85% der Hieroglyphen-Texte können gelesen oder zumindest inhaltlich richtig gedeutet werden.

Erste Versuche der Entzifferung wurden möglich, als Charles Etienne Brasseur de Bourbourg um 1850 das Manuskript „Relación de las cosas de Yucatán“ des spanischen Franziskanermönches und späteren Bischofs von Yucatán, Diego de Landa (1524-1579) in der Bibliothek der Real Academia de la Historia in Madrid entdeckte. Erstmals fand man dort die Namen der Tage im 260-tägigen Ritualkalender und die Namen der Monate in einem dem Sonnenjahr angenäherten 365-tägigen Zyklus zusammen mit den dazugehörigen Hieroglyphen. Zu entnehmen war auch, wie das Schriftsystem funktionierte (sog. Landa-Alphabet). Brasseur konnte bereits die Tages- und Monatszeichen sowohl im Dresdner als auch im Pariser Codex identifizieren und davon ausgehend das System der Punkt- und Strichzahlen herausarbeiten. 1876 zog Léon Louis Lucien Prunol de Rosny in seiner Studie „Déchiffrement de l’Écriture Hiératique de l’Amerique Centrale“ den Schluss, dass die Maya-Schrift sowohl aus Logogrammen als auch aus phonetischen Zeichen besteht. Diese These einer gemischt logographisch-logosyllabischen Schrift griff erst der russische Ethnologe Juri Knorozov in den 1950er Jahren wieder auf und brachte die Maya-Schriftforschung durch dezidierte statistische Untersuchungen der Art und Häufigkeit der Schriftzeichen entscheidend voran.

Landa war irrtümlich davon ausgegangen, dass die Maya wie die Europäer eine Alphabetschrift besaßen und befragte seinen Informanten nach den Hieroglyphenzeichen für jeden Buchstaben des spanischen Alphabets. Er sagte nach spanischer Art des Buchstabierens »be« zum Buchstaben »b«, »ele« zum Buchstaben »l« und »atsche« zum Buchstaben »h«. Der Maya-Informant verstand, er solle das entsprechende Silbenzeichen schreiben. Das gegenseitige Missverständnis wiederholte sich auch, als Landa ihn bat, das Wort für »Wasser«, im Maya »ha«, zu schreiben und es ihm als »atsche, a« buchstabierte. Der adlige indianische Gewährsmann schrieb daraufhin in Hieroglyphen »a-che-ha«. Den Nachweis, dass Landas missverständliches Alphabet ein Schlüssel für die Entzifferung der Mayaschrift sein könnte, trat Konrozov mithilfe der Götter- und Tiergestalten und den darüber stehenden Hieroglyphen der Codizes an. Paul Schellhas hatte u. a. die Namen der Tiergestalten in den Handschriften identifiziert und die Hieroglyphen gefunden, die sich auf die dargestellten Tiere Hund und Truthahn beziehen mussten. Das Zeichen im Landa-Alphabet  für »q«, ausgesprochen »ku«, fand er als erstes Zeichen in der Hieroglyphe des Truthahns wieder.  In einem kolonialzeitlichen Wörterbuch des Yukatekischen fand er das Mayawort »kutz« für Truthahn und folgerte, dass die zweite Silbe der Hieroglyphe folglich »tzu« heißen müsse, was sich anhand eines Vergleichs mit der Hieroglpyhe für »tzul« - Hund belegen ließ. Zahlreiche Götter, die Schellhas nur mit einem Buchstaben belegen konnte, erhalten heute aufgrund der Entzifferung des Silbenalphabets spezifische Namen: Jum Wil, der »Gott des Überflusses«, oder K'aschisch, der »Gott des Regens« (vgl. Grube, 1999, S. 76-79 und Grube, 1994, S. 61ff)

In der Zeit des Kalten Krieges erfolgte in den USA keine sachliche Auseinandersetzung mit Knorosovs 1955 erstmals publizierten Erkenntnissen. Erst sehr viel später nahm die nordamerikanische Schule den phonetischen Ansatz auf und entwickelte nach und nach ein Silbenregister und eine erste Hieroglyphengrammatik.

Nach der phonetischen Entzifferung des Silbenalphabets durch die phonetische Schule der Nordamerikaner, unternahm Michel Davoust (1997) einen ersten Versuch, einen vollständigen Kommentar der Hieroglyphen in den 76 Almanachen des Codex Dresdensis zu erstellen und gleichzeitig die ikonischen Partien eines jeden Kalenders zu beschreiben. Unter Zuhilfenahme von yukatekischen Wörterbüchern des 16. Jhs. bemühte er sich um eine vollständige Lesung mit der numerischen Transkription jeder Hieroglyphe. Eine beschreibende Grammatik der yukatekischen  Mayasprache des Codex Dresdensis steht noch aus. Erste Ansätze lieferte Bricker (1986), die Beispiele aus der Dresdener Handschrift zitiert.

Man unterscheidet zwei Arten von Schriftzeichen: die Hauptzeichen und die Affixe. Ein Hauptzeichen hat eine ovale bis eckige Umrißlinie. Die Bedeutung eines Zeichens kann sich ändern, je nachdem, ob es eine runde oder ovale Umrisslinie besitzt. Runde Umrisslinien enthalten auch Datennamen, wie den Tzolkintag »imix«. Dasselbe Zeichen in einer ovalen Kartusche bedeutet jedoch »ba« - Auge. Die Vieldeutigkeit, mit der die Mayaschreiber »spielten«, erschwert heute die wissenschaftlichen Übersetzungsarbeiten.

Kleiner im Umfang sind die Affixe, die an das Hauptzeichen angefügt werden. Sie können über, unter oder hinter dem Hauptzeichen stehen. Direkt integriert in das Hauptzeichen nennt man sie Infixe. Es gibt etwa gleichviele Affixe wie Hauptzeichen. Der erste Hieroglyphenkatalog (Thompson, 1962) verzeichnet lediglich 750 verschiedene Schriftzeichen. Die seitdem neu gefundenen Schriftzeichen auf Steinmonumenten und Keramiken, erhöhen die Zahl auf 1000. Die aus Affixen und Hauptzeichen zusammengesetzten Hieroglyphen werden von links nach rechts und in senkrechten Zweierkolumnen gelesen, wie Cyrus Thomas bereits 1882 nachwies:

Grube, 1994, Seite 44

12781112
349101314
561516

Die hieroglyphische Entzifferung der Handschriften vollzieht sich auf mehreren Ebenen:

  1. Entzifferung einzelner Schriftzeichen
  2. Lesung mehrerer Schriftzeichen im Verbund und sprachliche Interpretation. Eine aus mehreren Zeichen bestehende Hieroglyphe bildet dabei in der Regel ein „Wort“. Diese Wörter werden in Sätzen zusammengelesen.

Beispiele der Entzifferung aus dem Codex Dresdensisnach oben

Folio 4c-5c

Alle dargestellten Götter im Almanach über Prophezeiungen halten eine Hieroglyphe in den Händen, die auch die erste jeder Vierergruppe im Glyphenblock ist. Die erste Hieroglyphe bezeichnet das Verb, das Vorangestellte u ist das Personalpronomen der 3. Person. Die Silbenzeichen tu und mu ergeben die Verbwurzel tum. Die Wortbedeutung erhält man aus den Mayawörterbüchern der frühen Kolonialzeit  Die ersten beiden Hieroglyphen in jedem Viererblock lauten »er bedenkt sein Schicksal« oder »er erwägt die Ursache«. Darauf folgt der Name des im Bild erkennbaren Gottes in der Reihenfolge 1. K'in ajaw »Herr der Sonne« (bei Schellhas noch Gott G), 2. der Urpriester Itzamna »Zauberhaus«, 3. der junge Gott H (Name noch unbekannt) und 4. der Todesgott Kimi. Die letzte Hieroglyphe ist eine augurische, die das Schicksal des Tages nennt, der durch die schwarze Distanzzahl unter dem Text erreicht wird. Beim Todesgott handelt es sich um negative Prophezeiungen, wie »viel Tod« oder »großes Sterben«. Der Priester errechnet nach den Tagesangaben des 260tägigen Kalenders den Namen des Tages. Am Tag 9 muluk erwägt er sein Schicksal [das des Tages], der Sonnengott, [es gibt ein] Ende der Arbeit. Der wahrsagende Priester konnte anhand des 260tägigen Kalenders durch Kombination von Tagesnamen und Koeffizienten günstige und ungünstige Tage für die Lösung der Probleme bestimmen.
(vgl. N. Grube (1999): »Die sprachliche Lesung von Textpassagen aus den Handschriften«, Seite 87-91.)

Folio 7a

Den beiden ersten Hieroglyphen »es wird in seinem Schicksal gelesen« folgt der Name des Gottes K'awil, als Attribut erscheint eine Hand vor einem Kopf, die Hieroglyphe kelem »kräftig, jugendlich«, denn K'awil ist der Gott der Königsdynastien. Die attributiven Hieroglyphen bestimmen das Schicksal des jeweiligen Tages. Sie hängen nicht vom Tag ab, sondern sind mit den Göttern korreliert, die über den Tag wachen. (Grube (1999), »Die sprachliche Lesung von Textpassagen aus den Handschriften«, S. 92-94, und Davoust (1997), S. 105 mit zugehöriger Lesung).

Folio 16b

Die Almanache behandeln je einen Zyklus im tzolkin sowie in vertikalen Kolumnen zu Beginn eines jeden Kalenders die Kalenderzeichen, für die der Text gilt. In vertikaler Richtung sind die Almanache in Einheiten gegliedert, die Thompson (1972, S. 47-60) als t'ols bezeichnet. In jedem t'ol erscheint das Portrait der Mondgöttin und anderer Protagonisten unter den Hieroglyphen. Im mittleren Abschnitt von f. 16b, 17b beginnt Almanach 39, aus dem ein Abschnitt als Beispiel für die Versuche einer Lesung aus Hofling (1989, S. 60-61, 67) entnommen wurde. Die Numerierung der Hieroglyphen, die Hofling nach Thompson zitiert, kann im Glyphenkatalog, Princeton University nachvollzogen werden. Folio 16b, T2 (s. Kennzeichnung in der Illustration von Hofling, S. 60):

24.1047a
?DGA  
171.1026.103
?.CHEL.?   
DGA(=Death God A)
1.528:515
U.ku:ch(u)
15.736:140
ah.KIMI:l(a)
CHEL (=1026)



 

Beispiel für ah. KIMI:l(a)(=15.736.140) aus der Hieroglyphendatenbank:  
      
 

  • Lesung von T2 nach Hofling (1989): Ok DGA u-kuch Chel-?, ah-kim-il.
    Oc3-burden Chel-top? MASC-die-NOM
    On Oc, Death God A is the burden of Chel, Lord Death
    Am Tage Oc ist Gott A die Last von Chel, Herr des Todes