Folio 1 bis 15: Verschiedene Almanache
Astronomische Beobachtungen und astrologische Deutungen wurden bei den Maya nicht voneinander unterschieden. Für ihre Rituale und Prophezeiungen verwendeten die Priester Weissagungskalender (tonalamatl). Ihre astronomischen Teile basieren auf dem Venusverlauf und enthalten genaue Angaben über Mond-, Sonnen- und Marsphasen. Die Seiten befassen sich vorrangig mit verschiedenen Aspekten des von Göttern gebrachten Schicksals. Derartige Kalender befragte man vermutlich, um zu erfahren, ob die von Schicksalsmächten beherrschten Tage für bestimmte Vorhaben der Menschen günstig oder ungünstig waren. Man glaubte in ihnen Auskunft über den Verlauf von Krankheit, Schwangerschaft und Geburt zu bekommen.
Folio 1 bis 15 fungieren als eine Art Einleitung zum gesamten Codex. Die Almanache basieren auf dem rituellen 260-Tage-Kalender (Tzolk’in).
- Folio 1-3: Bekleidung der Götterfiguren. Folio 3 zeigt die Abbildung eines Herzopfers, das von vier Gottheiten umgeben ist. Der Geopferte wird mit geöffneter Brust auf einem Opferstein liegend dargestellt. Vermutlich ein Ritual zu Ehren der Venus-Gottheit.
- Folio 4-15: Anrufung der Götter; Vorbereitung von Prophezeiungen. Folio 5: Höchste Gottheit war der Urpriester Itzamna, der alte Himmelsgott, dargestellt als Mann mit greisenhaftem Gesicht, kräftiger gebogener Nase und zahnlosem Mund (f 5c Mitte). Folio 10a mittlerer Abschnitt, 11c oberer Abschnitt: Die Gottheit Chac, erkennbar an der rüsselartigen Nase und der heraushängenden Zungen, gilt als Verkörperung der Himmelsrichtungen. Sie symbolisiert Wachstum, Regen, Donner und Wind. Folio 10c, 11a: Der Todesgott Kimi wird mit Symbolen des Sterbens und der Vernichtung (Knochen und schwarze Totenflecken) dargestellt.
Folio 16-23: Almanache der Mondgöttin
Die individuellen Kennzeichen der jungen Mondgöttin Ix Chel sind die groß gezeichnete weibliche Brust und die Haarfrisur mit einer über den Rücken herunterhängenden Locke. Dargestellt wird sie als Göttin der Heilkunst und Überbringerin von Krankheiten. Die Krankheiten werden von Vögeln personifiziert, welche die Göttin auf dem Rücken trägt. Auf Tafel 16 trägt sie den Tod als Last.
Folio 24 und 46-50: Venustafeln
Die Seiten enthalten Bilder des Venusgottes sowie Angaben (Ereignisse, Daten, Intervalle, Richtungen und die dazugehörigen Vorzeichen) über das Erscheinen der Venus als Morgen- und Abendstern im Laufe von 312 Jahren auf der Basis des 584-Tage-Zyklus der Venus. Aus den Bildern auf der rechten Hälfte der Tafeln neben den kalendarischen Angaben ist zu entnehmen, dass die auf diese Weise versinnbildlichten kosmischen Kräfte wesentlichen Einfluss auf das irdische Leben hatten.
Folio 25-28: Neujahrszeremonien
Die Tafeln schließen in der heute von der Forschung erkannten richtigen Seitenfolge an die Darstellung des Weltuntergangs an, weil die Neujahrszeremonien symbolische Neuschöpfungen des Kosmos sind. Folio 27 zeigt zwei Opferszenen, ein Räuchergefäß zum Verbrennen von Opalharz (Bildmitte) und Opfergaben im unteren Bildteil.
Folio 28*-28*** und 60*: Leerseiten
Die vier unbeschriebenen Seiten sind möglicherweise ein Indiz dafür, dass der Codex unvollendet geblieben ist.
Folio 29-45: Weissagungskalender für die Landwirtschaft
Weissagungskalender dienten auch der Orientierung in der Bewirtschaftung der Felder. Sie enthielten Aussagen über Witterung und Ernte und wurden bei Regenbeschwörungen gebraucht. Es dominieren Darstellungen des Regengottes Chac als Empfänger von Speiseopfern. Enthalten sind auch Multiplikationstafeln von 364 für Kalenderberechnungen und die Lange Zählung. Folio 34 zeigt eine Zeremonie zu Ehren des Maisgottes, an der Musiker mit Rassel, Pauke und Flöte beteiligt sind. Folio 42 bis 45 betreffen die Reisen des Regengottes Chac sowie den Planeten Mars während einer 780-Tage-Periode.
Folio 51- 58: Finsternistafeln
Die Finsternis- oder Eklipsetafeln knüpfen an die Venustafeln an. Sonnen- und Mondfinsternisse sahen die Maya als Zeit allgemeiner Not und Gefährdung an, deren Auswirkung sie durch Opfer und Ritual abzuwenden suchten. 1893 veröffentlichte der Direktor der Königlichen Bibliothek zu Dresden, Ernst Wilhlem Förstemann, seine Erkenntnisse über die Finsternistafeln im Dresdener Codex. Folio 52 und 53: Finsternistafel mit Gruppen von fünf und sechs Mondmonaten. Die Bilder wurden jeweils nach einem Fünfer-Mondmonat platziert. Die Intervalle zwischen den neun Bildern sind wirkliche Finsterniszyklen mit insgesamt 11.958 Tagen, das sind 405 Mondmonate oder ungefähr 33 Jahre. Die Tafel umfasst die Zeit vom 6. November 755 bis 4. August 788 (julianischer Zählung).
Folio 58-59: Multiplikationstafeln: Vielfache von 78 (Marstafel?)
Folio 60: K‘atun-Prophezeiung
Nach Thompson handelt es sich um einen Teil aus einem Weissagungskalender des K’atun-Zyklus mit 13 K’atuns (= 20-Jahres-Perioden), der nicht vollständig erhalten blieb, da die letzte Seite einer der beiden Leporelloteile in seiner heutigen Form sei. Die Übersetzung der augurischen Hieroglyphen lege eine Verwandschaft mit Inhalten der Chilam Balam-Bücher nahe (= kolonialzeitliche Übersetzung einiger Mayabücher in die spanische Sprache).
Folio 61-73: Schlangenzahlen und die 7 x 260-Tage-Almanache
Die beiden Zahlenreihen auf Folio 61 und 62 reichen bis in eine weit zurückliegende Vergangenheit. Diese beiden »Schlangenzahlen« werden von 9 Kan 12 Kayab der Langen Zählung an gezählt und weisen auf mythische Ereignisse in einem Zeitraum von über 30.000 Jahren hin. Die anschließenden Folia behandeln die Säulen des Kosmos und diverse Manifestationen des Regengottes Chac. Folio 71 und 72 betreffen den heiligen Tag 4Eb und seinen Einfluss auf das Wetter.
Folio 74: Die große Flut
Wiedergegeben wird das dramatische Geschehen einer kosmischen Katastrophe. Das Bild bezieht sich auf die bei allen mittelamerikanischen Völkern anzutreffende Vorstellung von der mehrmaligen Schöpfung und Vernichtung der Welt. Nach den Überlieferungen der Maya gingen der bestehenden Welt, deren Untergang ebenfalls vorhersagbar war, bereits drei andere Weltzeiten voraus.
Die entfesselten Gewalten, die eine »Sintflut« herbeiführen, werden durch drei furchterregende Gestalten repräsentiert. Unter der Hieroglyphenreihe ist das Himmelskrokodil zu sehen, das hier zerstörerische Wasserfluten speit. Aus zwei Finsterniszeichen strömt ebenfalls Wasser. Über einem schwarzen, mit Speeren und Wurfbrett bewaffneten Unterweltsgott mit Eule im Kopfputz, schüttet die alte Göttin Ix Chel (Chak Chel) mit Schlangenkopfputz und gekreuzten Knochen auf ihrem Kittel aus einem Gefäß Wasser mitsamt den Hieroglyphen für das Datum 5Eb aus.