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Luthers Manuskript zur ersten Vorlesung über die Psalmen (Mscr.Dresd.A.138)

Eine der kostbarsten Handschriften der SLUB ist Martin Luthers eigenhändiges Manuskript zur ersten Vorlesung über die Psalmen, die der Reformator als frisch promovierter Professor für Bibelauslegung 1513-1515 an der Universität Wittenberg hielt. Diese lateinische Scholienhandschrift enthält Erklärungen zu 88 von 150 Psalmen in der Fassung der damals geläufigen Biblia vulgata. Luther kommentierte einzelne Verse oder Ausdrücke auf der Basis von und in Auseinandersetzung mit antiken, kirchenväterlichen und mittelalterlichen Autoritäten sowie gängigen Bibelglossen. Die 1516 ausgearbeitete ausführliche Kommentierung des ersten und vierten Psalms lässt darauf schließen, dass Luther eine Veröffentlichung seines Kommentars beabsichtigte. Ein Druck kam zu Luthers Lebzeiten nicht zustande.

 

 Die Handschrift gelangte Ende des 16. oder Anfang des 17. Jahrhunderts durch den Zeitzer Kanoniker Johann Ernst Luther (1560-1637), Martin Luthers Enkel und Sohn des sächsisch kurfürstlichen Leibarztes Paul Luther (1533-1593), in die Kurfürstliche Bibliothek zu Dresden. Wie eine Zimelie habe er seines Großvaters Psalmenkommentar bewahrt, schrieb Johann Ernst auf das seit 1945 verlorene erste Blatt des Bandes. Heute hat die Handschrift einen Umfang von 261 Blättern im Format 21,7 x 16,3 cm, die sehr eng beschrieben (durchschnittlich 40-45 Zeilen pro Blatt) und mit zahlreichen Randbemerkungen Martin Luthers versehen sind, die bei der Bindung der einst separat benutzten 16 Lagen teilweise leider beschnitten wurden. Dem ersten Nachweis der Handschrift im Bücherinventar der Kurfürstlichen Bibliothek aus den Jahren 1595-1628 zufolge war das Manuskript einst in schwarze Seide gebunden. Dieser Einband wurde 1945 infolge der Zerstörung des Japanischen Palais, dem einstigen Sitz der Sächsischen Landesbibliothek, durch Wasser so stark geschädigt, dass er nach der Wiederauffindung der vermeintlich verschollenen Handschrift 1966 durch einen Ledereinband ersetzt werden musste.

Der Text des Dresdner Manuskripts wurde erstmals vollständig ediert von Karl Seidemann (Dresden 1876; 2. Ausgabe Dresden 1880, digital). Für die kritische Gesamtausgabe der Werke Martin Luthers (sog. Weimarer Ausgabe, Bd. 55, 2. Abt., Weimar 2000) wurde eine Neuedition mit ausführlicher kodikologischer Beschreibung vorgenommen.

Das Dresdner Manuskript ist nicht das einzige Dokument für Luthers erste Psalmenvorlesung: Die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel besitzt Luthers Handexemplar eines auf Luthers Veranlassung 1513 von Johannes Grunenberg in Wittenberg gedruckten Psalters (Cod. Guelf. 71.4 Theol. 4°). Der Band enthält zahlreiche eigenhändige Glossen zu allen 150 Psalmen.

Diese beiden umfangreichen Autographen Luthers gehören mit weiteren zwölf für die Frühzeit der Reformation bedeutsamen Quellen seit Oktober 2015 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Von fünf der ernannten Drucke besitzt auch die SLUB eines oder sogar mehrere Exemplare: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“  (Wittenberg, Johannes Grunenberg, 1520),  „Das Newe Testament Deutzsch“ (sog. September-Testament, Wittenberg, Melchior Lotter, 1522), „Biblia das ist die gantze Heilige Schrifft Deudsch“ (Wittenberg, Hans Lufft, 1534), „An die Radherrn  aller stedte deutsches lands: das sie Christliche schulen auffrichten  vnd hallten sollen“ (Wittenberg, Lukas Cranach und Christian Döring, 1524) sowie „Deudsche Messe vnd ordnung Gottis diensts“ (Wittenberg, Michael Lotter, 1526).