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Geschichte der Deutschen Fotothek

Anfänge als Landesbildstellenach oben

Ehem. Landesbildstelle, Zirkusstraße 38. Dr. Fritz Schimmer und Mitarbeiterin bei der Durchsicht von Bildkarten. Aufnahme: Walter Möbius, um 1936. SLUB/Deutsche Fotothek 408 334.

Gründungsdatum der heutigen Deutschen Fotothek ist durch die Einrichtung des Sächsischen Landesverbands zur Förderung des Film- und Bildwesens e.V. in Chemnitz der Mai 1924 [1].

Im November 1924 erhält die Chemnitzer Geschäftsstelle aufgrund einer Vereinbarung zwischen Landesverband und Sächsischem Ministerium für Volksbildung als Stiftung öffentlichen Rechts und unter Trägerschaft des Landesverbandes den Namen Sächsische Landesbildstelle.

Die Leitung dieser ersten deutschen Landesbildstelle, der schon bald weitere folgten, wurde dem Studienrat a.D. der Oberrealschule Dr. Fritz Schimmer übertragen, der dieses Amt bis 1936 sowie von 1945 bis 1950 bekleidete. Zwischen 1936 und 1945 wurde die Bildstelle von Willy Passig geleitet, über dessen Person und Amtsführung bislang keine weiteren Informationen ermittelt werden konnten. 1925 wurde die Bildstelle von Chemnitz nach Dresden verlegt, wo sie zunächst Geschäftsräume in der Nähe des Japanischen Palais, in der Großen Meißner Strasse 15 bezog und ab 1926 in der Zirkusstrasse 38 beheimatet war.

Um 1938 erfolgte die Umbenennung in Landesbildstelle Sachsen, 1939 der Umzug in die Pillnitzer Strasse 69. Entsprechend den Aufgaben einer Landesbildstelle wurden zur Versorgung der Bildungseinrichtungen mit Lehrmitteln nicht nur Lichtbilder und Schmalfilme hergestellt und vertrieben, sondern auch Projektoren verliehen sowie Wartungs- und Reparaturleistungen daran ausgeführt. Die Landesbildstelle führte auch, insbesondere für Lehrer, Aus- und Weiterbildungslehrgänge zur Schmalfilmprojektion und zur Unterrichtsfotografie durch. Schließlich unterhielt sie einen Kurierdienst, durch den Kreisbildstellen bzw. die Schulen direkt versorgt wurden. Ziel der Landesbildstelle Sachsen war es, Bildmaterial von allgemeinbildendem Wert zu sammeln und es für Zwecke der Schule auszuwerten und bereitzustellen. Das Profil der Sammlung war deshalb sehr deutlich landeskundlich und landesgeschichtlich ausgeprägt und dem Heimatschutzgedanken stark verbunden.Von Anfang an wurde auf systematische Bestandserweiterung großer Wert gelegt, und der überwiegende Teil der Sammlungen ist durch eigene Aufnahmetätigkeit geschaffen worden. Erster Fotograf der Landesbildstelle war Walter Möbius (1900-1959). Für die Bestände der Landesbildstelle weist der Jahresbericht 1929 etwa 13.000 Negative, eine Lichtbildsammlung, geordnet in 850 Unterrichtsreihen und 155 Vortragsreihen, mit zusammen 23.556 Glasdiapositiven sowie eine Filmsammlung mit wohl etwa 125 Filmen mit einer Gesamtlänge von 84.144 m aus.1945 wurden alle nicht ausgelagerten Bestände, Bestandsunterlagen und Erschließungsmittel der Landesbildstelle - die nach den Negativen gefertigten Diareihen und vor allem die Kataloge - ebenso vernichtet wie die gesamte technische Ausrüstung. Erhalten geblieben sind die Negativsammlung und die Bildkartensammlung, die 1944 nach Dippoldiswalde und Gaußig ausgelagert worden waren.

Auf dem Weg zum Universalarchivnach oben

Schon 1946 wurde der Betrieb der Landesbildstelle Sachsen in der Privatwohnung Fritz Schimmers in der Sickingenstraße 4 wieder aufgenommen. Die ausgelagerten Bestände waren zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht zurückgeführt. Im amtlichen Telefonbuch wird die Landesbildstelle erst 1947 mit Adresse in der Berufsschule, Ehrlichstraße 1, geführt [2].

Die Nachkriegszeit ist durch die Erweiterung des Sammlungsprofils über Sachsen hinaus in Richtung eines universal angelegten kulturhistorischen Bildarchivs gekennzeichnet, das deutschland-, europa- und weltweit Bilddokumente erfassen sollte und eine völlig neue Erwerbungspolitik entwickelte. Man verließ das Landesbildstellenkonzept und die damit verbundene Einbindung in schulpädagogische Zwecke.

1950 wurde Fritz Schimmer mit der Ausgliederung des Bildarchivs und der Fotowerkstatt aus der getrennt weiterzuführenden Landesbildstelle Sachsen beauftragt. In einem vom 4. September 1950 datierten Lebenslauf schreibt Schimmer, daß ein "Sächsisches Landesbildarchiv" vorgesehen sei, zu dem auch ein "Bildarchiv für Zeitgeschichte" gehören solle. Für eine Institution dieses Namens finden sich allerdings keine Belege. Möglicherweise war es eine vorläufige Bezeichnung für das am 1. Januar 1951 geschaffene Landesamt für Volkskunde und Denkmalpflege in Dresden, dem dann Bildarchiv und Fotowerkstatt als Abteilung

Landesfotothek

mit Sitz im notdürftig hergerichteten ehemaligen Landtag, im Ständehaus an der Brühlschen Terrasse angegliedert wurden [3]. Die Leitung wurde Studienrat Hans-Heinrich Richter (bis 1974) übertragen; ihm folgten Dr. Walter May (bis 1989), Werner Starke (bis 1999) und Wolfgang Hesse (bis 2003).

"Seit 1946 wurde in der Landesbildstelle Sachsen in Dresden aus etwa 40.000 geretteten Negativen ein Bildarchiv wieder zusammengestellt und eine Lichtbildsammlung neu geschaffen. Ursprünglich für schulische Aufgaben begonnen, gingen die Sammlungen bald über diesen Zweck allein hinaus. Zahlreiche neu erworbene Negative sowie das Anwachsen der Wissenschaftsgebiete, die nach dem Bild als Anschauungsmittel verlangten, ließen eine andere Form der Organisation geboten erscheinen. Die Bestandserschließung konnte nur nach den gleichen Prinzipien wie in einer großen Bibliothek erfolgen. So wurde aus dem Bildarchiv, der Lichtbildsammlung und den fotografischen Werkstätten der Landesbildstelle im Jahre 1951 die Fotothek. Durch den Namen des Instituts, in bewußter Anlehnung an Bibliothek gewählt, sind Charakter und Arbeitsweise festgelegt. Damit sind auch die Hauptaufgaben: Sammlung, Aufbewahrung, Pflege, Nutzbarmachung für wissenschaftliche Arbeit und Forschung und natürlich auch die Aufgabe der technischen fertigung klar gegeben" [4].

Mit der Auflösung des Landesamtes für Volkskunde und Denkmalpflege im Zuge der territorialen Neuordnung der DDR wird 1952 die Landesfotothek als

Staatliche Fotothek Dresden

der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten unterstellt. Die Sammlungen der Fotothek umfassen zu diesem Zeitpunkt einen Bestand von rund 100.000 Negativen und 35.000 Diapositiven.

Die Deutsche Fotothek entstehtnach oben

1956 erhielt die Staatliche Fotothek per Gesetz den verpflichtenden Namen

Deutsche Fotothek Dresden: "§2 (1) Die Deutsche Fotothek unterhält eine zentrale Sammlung fotografischer Aufnahmen von dokumentarischem und kulturellen Wert (Negative) aus allen Gebieten anschaubaren Wissens, insbesondere aus dem Gesamtgebiet des deutschen Kultur-, Museums- und Kunstbesitzes und der deutschen Volkskultur" [5].

Der Maler Curt Querner notiert am 12.8.1963 in seinem Tagebuch:

Fotothek, Amt für Denkmalpflege. Flure kühl, dunkel. Gebäude des alten sächs. Landtages. Langsames Schreiten der Angestellten, gemessen, würdevoll, mit irgend etwas unter dem Arm. Türen öffnen, schließen sich. Ob alt, uralt oder so jung wie der Fotograf, der meine Aquarelle ansieht, die auf dem Steinfußboden auf Packpapier liegen, der sie bewundert, - egal. Es ist der ruhige, genau, anscheinend genauest bemessene Schritt, den man sich erarbeitet, erschritten hat, den es höchstwahrscheinlich so lange gibt, wie derartige Einrichtungen [6].

Der Leiter der Fotothek, Hans-Heinrich Richter resümiert 1966: "Sie ist in ihrer Art in beiden deutschen Staaten - wenn nicht überhaupt - einmalig und durch die Vielzahl der gesammelten Sachgebiete universal angelegt. Allmählich soll eine Art zentrales Staatsarchiv der Fotografie entstehen. Nachdem die Deutsche Fotothek über fünf Jahre lang dem Ministerium für Kultur unterstellt war, ist sie seit 1. November 1961 als

Zentrales Institut für Bilddokumente der Wissenschaft, Forschung und Lehre

bei der Deutschen Staatsbibliothek Berlin und untersteht dem Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen."

1966 umfassen die Sammlungen der Fotothek mehr als 280.000 großformatige Negative, rund 150.000 Bildkarten und etwa 75.000 Diapositive zur Ausleihe.

Zum Katalogwerk der Deutschen Fotothek, das nach 1951 neu geschaffen worden ist, führt Richter 1966 aus: "Da die Fotothek grundsätzlich jedem wissenschaftlich und kulturell Interessierten zur Benutzung zur Verfügung steht, müssen die Bestände dafür auch erschlossen werden. Neben dem Dienst für die Benutzer steht wie für den Bibliothekar auch für die Mitarbeiter des wissenschaftlichen Dienstes der Deutschen Fotothek die Arbeit an den Katalogen im Mittelpunkt der Aufgaben. Ein systematisches Katalogwerk - in enger Anlehnung an das bei den großen Bibliotheken übliche - führt an jedes einzelne Bild nach den Sachgebieten. Jedes davon ist einem wissenschaftlich ausgebildeten Sachbearbeiter anvertraut."

Alte und neue Sammlungsprofilenach oben

Wesentliche äußerliche Veränderung der Fotothek in den 1980er Jahren ist ihre Eingliederung in die Sächsische Landesbibliothek zum 1. Januar 1983. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war neben der räumlichen Nähe, daß sich die staatlichen Sammelschwerpunkte der Bibliothek und die Hauptsammelgebiete der Fotothek weitgehend decken.

1985 umfaßt der Sammlungsbestand der Fotothek rund 650.000 Negative, 12.000 Positive und 60.000 Leihdias.

Wenngleich die Deutsche Fotothek spätestens seit ihrer Angliederung an die Deutsche Staatsbibliothek Berlin 1961 und der damit verbundenen Definition als "Zentrales Institut für kulturwissenschaftliche Bilddokumente" prominentes Instrument staatlicher Kulturpolitik gewesen ist, kommt es insbesondere in den 80er Jahren zu politisch motivierten inhaltlichen Verschiebungen, die sich in der verstärkten Erwerbung von sozialdokumentarischer und Reportagefotografie äußert.

Hintergrund ist der Beschluß des Sekretariats des Zentralkomitees der SED zur Förderung des fotografischen Schaffens in der DDR:

"Die Pflege und Erschließung des humanistischen und proletarisch-revolutionären fotografischen Erbes, vor allem dem der Jahre nach 1945, ist zielgerichtet zu gewährleisten. In der Perspektive wird die Errichtung eines Museums erforderlich. Als Übergangslösung kann die Deutsche Fotothek in Dresden, entsprechend ihrem Statut, die Negativsammlung erweitern. Das Ministerium für Kultur prüft die Einrichtung einer Abteilung 'Künstlerische Fotografie' in einem Kunstmuseum der DDR. Zur Unterstützung dieser staatlichen Einrichtungen bildet der Kulturbund in der Gesellschaft für Fotografie einen 'Arbeitskreis zur Pflege des fotografischen Erbes der DDR', der konzeptionell und praktisch dazu beiträgt, Bildmaterial, vor allem unserer DDR-Geschichte, zu sammeln, wissenschaftlich aufzubereiten und entsprechende Ausstellungen zu gestalten" [7].

Diese Vorgaben führten zu einem Entwicklungsschub für die Fotothek, der seit 1983 das Zwanzigfache an Erwerbungsmitteln für Fotografien zur Verfügung stand [8]. Wurden bis 1982 jährlich etwa 16.000 bis 18.000 Fotografien erworben, waren es ab 1983 durchschnittlich rund 70.000.

Diese Mittel sollten nach einem Exposé der Fototheksleitung vom 16.3.1982 in erster Linie zur Dokumentation der "Entwicklung und Geschichte der Produktivkräfte", der "Arbeits- und Lebensweise des werktätigen Volkes" sowie zur "Inventarisierung der sozialistischen Gegenwartskunst" eingesetzt werden. Obwohl sich diese Neuausrichtung gegenüber der traditionellen, eher bildungsbürgerlich orientierten Überlieferung eines "humanistischen Erbes" letztendlich nicht durchsetzen konte, gelangten dennoch wichtige Fotografennachlässe in den Bestand.

Die erworbenen Aufnahmen aus dem Umfeld der Arbeiterfotografenbewegung des Erzgebirges (Kurt Beck [1984], Hans Bresler [1984/85] und Erich Meinhold [1986]), die Nachlässe von Richard Peter sen. (1983), Abraham Pisarek (1982) oder Helmut Potzka (1984) belegen und dokumentieren die Kontinuität der kommunistischen Bewegung seit Anfang der 30er Jahre im Sinne der SED-Beschlüsse. Ihre teils pathetisch inszenierten, politisch argumentierenden Fotografien waren zur staatlich gewollten, identitätsbildenden Heroisierung der Aufbaujahre vor der Annäherung der beiden deutschen Staaten in den 70er Jahren geeignet.

Diese Erwerbungspolitik korrespondiert jedoch nicht mit der Erschließungspraxis der Fotothek, da die genannten Archive nicht vorrangig katalogisiert werden. Der "Führer durch die Abteilung Deutsche Fotothek" nennt 1985 bezeichnend die klassischen Sammelschwerpunkte "Kunst und Kunstwissenschaft", "Musik und Musikwissenschaft", "Geschichte der Produktivkräfte/Technikgeschichte" und "Regionalkunde", Alltagsdokumentation findet keine explizite Erwähnung [9].

Zu den ehernen Säulen im Orientnach oben

Im Zuge der Fusion der beiden großen Dresdner Bibliotheken gehört die Deutsche Fotothek seit dem 22. Januar 1996 zur Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Nach der Zuweisung des Ständehauses an das Oberlandesgericht erfolgt 1997 der Umzug der Deutschen Fotothek in das Gebäude der ehemaligen Freimaurerloge "Zu den ehernen Säulen im Orient" in der Bautzner Strasse 19 unweit des Albertplatzes am Rande der Äußeren Neustadt, das zuletzt von den VEB Leder- und Plastverarbeitungswerken Dresden genutzt worden ist.

Seit 2002 hat die Deutsche Fotothek ihren Sitz im Neubau der SLUB im Zelleschen Weg 18. Ihr Bestand umfaßt heute 3 Millionen Bilddokumente.

[1] Vereinssitz war die Wohnung des Vorsitzenden Fritz Schimmer im EG und in der 1. Etage in der Schloßstraße 12 (Mitteilung Stadtarchiv Chemnitz an Wolfgang Hesse, 12.11.2001), Archivraum war eine 12qm große Abstellkammer, vgl. "Sachsens Bibliothek der Bilder", in: "Sächsisches Tageblatt", Oktober 1948.

[2] Mitteilung Stadtarchiv Dresden an Wolfgang Hesse, 19.3.2002.

[3] Bis Mitte der 80er Jahre waren große Teile des Gebäudekomplexes noch Ruine.

[4] Hans Heinrich Richter, in: "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel", Jg. 133 (1966), Nr. 43.

[5] Statut der Deutschen Fotothek Dresden - Zentrales Institut für kulturwissenschaftliche Bilddokumente, 12.7.1956, in: Gesetzblatt Teil II Nr. 30.

[6] Curt Querner. Tag der starken Farben. Dresdner Hefte, Sonderausgabe 1996, Dresden 1996, S. 144.

[7] Beschluß des Sekretariates des Zentralkomitees der SED vom 20.1.1982, zit. nach Handakte in der Fotothek.

[8] Lutz Dietze, stellv. Direktor der Deutschen Fotothek, in: IX. Zentrale Tagung der Fotoschaffenden der Deutschen Demokratischen Republik, hrsg. v. Kulturbund der DDR, Gesellschaft für Fotografie, Berlin 1987, S. 37ff.

[9] May, Walter: Führer durch die Abteilung Deutsche Fotothek. Dresden: Eigenverlag der Sächsischen Landesbibliothek, 1985, S. 4.

© SLUB/Deutsche Fotothek, Februar 2005