1. SLUB Dresden
  2. Sammlungen
  3. Deutsche Fotothek
  4. Fotografen
  5. Seifert
  6. Schriftlicher Nachlass
  7. Unvergängliches Dresden

Unvergängliches Dresden

Heinrich von Kleist schrieb aus Paris im Jahre 1801: "Darum schließe ich die Augen und denke an Dresden. Ich sehe Dresden noch vor mir liegen in der Tiefe der Berge, ... als hätten da Engel im Sande gespielt, - und die Elbe, die schnell ihr rechtes Ufer verläßt, ihren Liebling Dresden zu küssen, die bald zu dem einem, bald zu dem anderen Ufer flieht, als würde ihr die Wahl schwer, und in tausend Umwegen wie vor Entzücken durch die freundlichen Fluren wankt, als wollte sie nicht ins Meer." Seit Kleist's Tagen ist das Stadtbild von Dresden bis in die Zeiten vor den Weltkriegen immer schöner geworden. Gäste aus aller Welt bis zu Stendhal, Ibsen und Dostojewski haben es geliebt. Blickte man von einer der Elbhöhen auf die Stadt, welch unvergleichliches Bild tat sich auf: der in mächtigen Bogen majestätisch dahinrauschende Strom, von stolzen Brücken überzogen; eine Symphonie von himmelstrebenden Türmen; in edler Kontrapunktik die südliche Heiterkeit der katholischen Hofkirche, auf deren Dachfirst die Heiligen einen Reigen aufführen, zur barocken Wucht der protestantischen Frauenkirche, deren mächtige Kuppel ein eindrucksvolles Wahrzeichen der Stadt war.

Eine(r) der schönsten Straßenzüge, die europäische Hauptstädte gesehen haben, führte von Norden nach Süden mitten durch die Stadt: vom brunnenumrauschten Albertplatz über die verkehrsbelebte Neustädter Hauptstraße zum goldprunkenden Denkmal August des Starken, einer der eindrucksvollsten Reiterstatuen der Welt; über die mächtig aufstrebende Augustusbrücke nach dem bezaubernden Ufer der Altstadt.

Hier grüßt im Osten die Brühlsche Terrasse, einst " Balkon Europas "geheißen, mit der schwungvollen Freitreppe und den poetisch schmückenden Gruppen Schillings; im Westen das einladende italienische Dörfchen und das im Biedermeierstil alt-vornehm sich breitende Hotel Bellevue. Dahinter der repräsentative Theaterplatz mit der Staatsoper und der berühmten Gemälde-Galerie, Sempers stolzen, in erneuerter Renaissance durchgeführten Schöpfungen. Wie festlich wirkte der Platz, wenn des Abends eine erwartungsvolle Menge der hellerleuchteten Oper zuströmte, durch die hohen Rundbogenfenster der hellrote Seidendamast der Tapeten und das Licht der Lüster lockten. Die hier stattfindenden Uraufführungen waren Ereignisse von kontinentaler Bedeutung.

An die Galerie - mit der Sixtina, Correggios "Heiliger Nacht", den Rembrandt-, Rubens- und Dürerbildern, den Meistern niederländischen Genres eine der großartigsten Sammlungen der Erde - schloß sich der Zwinger an: Pöppelmanns unvergessliche Schöpfung, ein heiter-festlicher Turnierplatz von einst, in strahlender Fülle der Barockphantasie, mit Satyrn, Nymphen, Putten, Blumenfestons, Fruchtgirlanden, Wasserkünsten, mit Pavillons und Turmglorietten; die unvergleichliche Anlage umblüht von Flieder, beglänzt von Teichen, belichtet von der edlen Patina kupfergrüner Dächer, ein Fürstentraum von Laune, Galanterie und Behagen, unerschöpflich bis heute.

Doch zurück zu unserer Nord-Süd Wanderung. An dem schlanken Turm der Hofkirche und dem trotzig wächterhaften Schloßturm vorbei durchschritt man das prächtige Georgentor des Schloßbaues und kam in die hohe Straßenenge Alt-Dresdens. Wieviel wüssten diese schlicht- wohlhäbigen Bürgerhäuser aus der Barockzeit zu erzählen!

Die nun einander folgenden Schloß-, See- und Pragerstraße gehörten zu den elegantesten Geschäftsstraßen europäischer Hauptstädte.

Was Sachsen an hoher Lebenskultur, gutem Geschmack, Gediegenheit und Wohlstand hervorbringen konnte, gab sich hier ein Stelldichein. Die älteste und erste Porzellan-Manufaktur Europas zeigte hier ihre schönsten Modelle. Kunstgalerien, Buchhandel, alle Erzeugnisse verfeinerter Lebenshaltung waren hier zuhause. Nicht nur die Prinzen und Prinzessinnen des vormaligen Könighauses und Sachsens Bürgertum, auch Fremde aus allen Erdteilen kauften hier gern ein. Kaffees von Weltruf, renomierte alte Gaststätten und Weinlokale luden zur Rast. Das altmodisch-vornehme Sendig-Hotel war viele Jahrzehnte ein internationaler Begriff. Wie geborgen saß man im ersten Stock der Kaffees, das endlos flutende Leben der Straßen und Plätze überblickend! Welche Erinnerungen an Kunst und Kultur allenthalben: Da ragte noch das Eckhaus am Altmarkt, in dem Ludwig Tieck seine berühmt gewordenen Vorlesungen hielt. In einem der traulichen Nachbarhäuser schuf Carl Maria von Weber seinen Freischütz.

Mählich leitete die Nord-Süd-Linie über in die idyllischen gartengrünen Villenvororte, die sich zu den Anhöhen hinanziehen und Dresden lieblich umschließen. Im Großen Garten umgab dich der Zauber aller Jahreszeiten. Welch Blühen von Baum und Strauch im Rauhreif des Winters, welch flammende Blumenklänge um Gartenschloss, Rasenteppiche und leuchtende Marmorgruppen im Sommer, welch schmerzlich-süße Unendlichkeit unter den sich golden entlaubenden rauschenden Alleen: hattest du nicht hier das Gefühl von letzter Ausgereiftheit einer großen Kultur?

Nun steht über der Geschichte der Stadt Dresden das Wort: "Es war einmal".

Ein ganz neues Kapitel ist aufgeschlagen. Aber das Gute und Schöne des unvergänglichen Dresdens sei als Kraftquelle für die Zukunft bewahrt.

Die nachfolgenden Bilder wollen etwas davon vermitteln.

Else Seifert

(Quelle: Typoskript, Schriftlicher Nachlaß, Mappe 6 "Persönliches")