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Schriftlicher Nachlass

Fotos im Freilicht

"Alles Göttliche auf Erden ist ein Lichtgedanke nur!"

Licht - Bild - Kunst. Es könnte einem bange werden vor dem großen Inhalt dieser kleinen Worte. Aber wir sind wie Kinder. Anfangs denken wir nicht allzu viel dabei. Erst wenn wir reifer in dieser Kunst geworden sind, ahnen wir die begrenzte Kraft des einzelnen gegenüber den unbegrenzten Möglichkeiten, die gerade die Fotografie zu erschließen vermag. Und je größer unsere Erfahrung - vielleicht auch unsere Erfolge - auf diesem Gebiete werden, desto bescheidener werden wir selbst. Stehen wir ernst zu dieser Kunst, nicht nur um einen Zeitvertreib mit ihr zu haben, dann schenkt sie uns das Glück, das jeder Künstler empfindet: Glück des Suchens, Glück des Findens, Glück des Schauens und Erlebens, Glück der Arbeit, und wenn es gut geht, Glück der Wiedergabe - Weitergabe. Viel ist das, nicht wahr? Sehr viel! Aber man muß die Augen eines Malers haben und das Herz eines Dichters, wie einmal jemand so schön und treffend gesagt hat. Zum technischen Gelingen gehört technisches Können und optische Erfahrungen. Hat man diese vier beieinander, kann man auch mit einfachstem Werkzeug Bildwerke zustande bringen, die es wirklich wert sind, daß man sie für eine Weile unter Glas und einfachen Rahmen bringt. Je einfacher die Mittel, desto größer die Bewunderung.

"Die Wirklichkeit kann durch einen Künstler reicher sein als die Wirklichkeit selbst."

Haben wir nur etwas von einem Maler, nur etwas von einem Dichter in uns, so werden wir auch viel mehr sehen, als die, die ihre Augen nur haben, um nicht gegen eine Wand zu rennen, wie Morelli, der Kunstforscher, sich einmal drastisch geäußert hat. Das Kleinste, Unscheinbarste, Unbedeutendste wird uns zur Entdeckung werden. Und auch ohne die Gesetze der Malerei zu kennen, werden wir Licht und Schatten sehen, die Harmonie oder Disharmonie einer Linie empfinden, gute und schlechte Kontraste unterscheiden lernen, Typisches herausfinden und Stil oder Stillosigkeit beurteilen können.

Photographie, die Schönheit sucht, dokumentarische oder empfundene, findet sie am leichtesten in der Natur, in der Landschaft. Aber auch hier müssen wir immer wieder Lernende sein. Technisches läßt sich durch Studieren und Probieren lernen, Ästhetisches also Künstlerisches - soweit es überhaupt erlernbar ist - an guten Vorbildern. Die besten Lehrer finden wir in den Gemäldegalerien und Kupferstichkabinetten. Eine Stunde unter ihnen verbracht, kann uns außerordentlich fördern. Wir lernen sehen. Irgendwie bleibt das Gesehene haften, und sind wir dann bei der eigenen Arbeit, so merken wir immer mehr, was Beleuchtung, Ausschnitt, Raumverteilung, Gleichgewicht und Fleckwirkung zu sagen haben. Farbe läßt im Stich. Sie in unserem Sehen auszuschalten, sie umzusetzen in die ganz große Skala vom spitzen Weiß zum stumpfen Schwarz, gehört mit zum Schwersten. Aber wie gesagt: Alles Technische läßt sich lernen und ist Sache der Übung. Ureigenes aber, und darum nur Einmaliges im Ergebnis, ist die innere Einstellung zum Motiv. Je nach ihr wird es Kraft im Ausdruck haben, markant in der Linienführung sein, straff im Rhythmus - scharf, dokumentarisch, unbestechlich - oder aber traumartig weich, leise, nur ahnen lassend, was da erschaut und erfühlt wurde. Man kann sachlich, fachlich eingestellt sein oder unsachlich, romantisch - nüchtern, kühl oder hingegeben. So wie wir unser Motiv angeschaut haben, so wird es uns wieder anschauen.

Manches Bild wird stundenlangem, tagelangem Beobachten abgetrotzt, schrittweise sein Ausschnitt abgetastet.

Andere sind das Ergebnis einer oft nur tausendstel Sekunde des Überlegens.

Zum ersten gehört Zeit, Ruhe, Geduld und nochmals Geduld. Einfühlung bis zum Sichselbstvergessen.

Zum zweiten gehört Mut, Entschlossenheit, rasches Erfassen, Voraussicht, Übersicht.

Aber nur wer die erste Art beherrscht, wird mit wenig Fehlresultaten bei der zweiten rechnen dürfen. Am Lebendigen der im Moment entstandenen Bilder wird er dann die allergrößte Freude haben, weil es ihm gelungen ist, den einmaligen, nie wiederkehrenden Augenblick, den "Lichtgedanken", wirklich erfaßt zu haben.

Else Seifert

(Quelle: Ausgeschnittener Zeitungsartikel im Nachlaß der Fotografin)