Deutungsangebot und Forschungsdesiderata
Mit der ungewöhnlich umfangreichen Hinterlassenschaft von weit über 100.000 Bildmedien Roger und Renate Rössings wird der Nachwelt die Möglichkeit eröffnet, das Schaffen eines, oder vielmehr zweier, Fotografenleben so umfassend nachzeichnen und analysieren zu können, wie sie sich nur in allzu seltenen Fällen bietet. Hinzu kommt die Hoffnung, anhand dieses Bestandes die aktuelle Forschungslage zu Fotografie und Kulturpolitik in der DDR bereichern zu können, denn über eben jenen Zeitraum, von der Staatsgründung bis über die friedliche Revolution hinaus, erstreckte sich die fotografische Betätigung des Ehepaares.
Relativiert wird die Euphorie jedoch in Anbetracht des vordergründig unpolitischen und somit wenig brisanten Motivbereiches der beiden. Vornehmlich mit Aufnahmen von Landschaften, Architektur und Menschen der DDR sowie des sozialistischen Auslandes gelang es den Rössings, Bildbände in hohen Auflagen zu publizieren. Die von diesen Publikationen losgelösten Fotografien des Nachlasses allerdings, fernab einer historischen Kontextualisierung, geben in ihrer scheinbaren Unverfänglichkeit wenig Aufschluß hinsichtlich ihres Stellenwertes gegenüber der allgemeinen und spezifischen politischen Indienstnahme von Fotografie durch die SED-Diktatur. Eine solche Indienstnahme aber muß als Ausgangspunkt einer Untersuchung der Bilder von vornherein angenommen werden. [1] Dennoch läßt die gestalterische Uneindeutigkeit vieler Motive sogar eine gegenteilige Interpretation zu. Als Beispiel sei hier der jüngst erschienene Bildband "Menschen in der Stadt" genannt, in dessen Rezeption gar die Zuerkennung einer subversiven fotografischen Sicht auf die Lebensumstände in der DDR durch für den Staate "unerwünschte [...] Geschichten" [2] anklingt.
In diesem Sinne ist und war die öffentliche Wahrnehmung gegenüber Roger und Renate Rössing eine sehr wohlwollende. Und sicherlich bedienen heute beispielsweise die fotografierten Stadtansichten mit der besonders häufig gezeigten historischen Bausubstanz sowie der etwas zurückhaltender eingestreuten, aus damaliger Sicht modernen Architektur, nostalgische Gefühle ohne jeglichen politischen Hintersinn, den Rückblick auf erlebten Alltag in seinen verschiedenen Facetten. Wenn also vorerst die erwähnte Grundannahme vom politischen Auftrag der Bilder sich nicht von vornherein anhand der Fotografien bestätigt (aber auch nicht widerlegt wird), so ist es um so notwendiger, sie ausgehend von ihrer ursprünglichen Erscheinungsform zu betrachten. Die Zahl der öffentlichen Ausstellungen ist verschwindend gering, die über alles dominierende Form der Veröffentlichung von Bildern bestand in den bereits erwähnten Bildbänden.
Beim Betrachten, oder vielmehr, bei der Lektüre dieser tritt deren indoktrinative Absicht deutlich hervor. Denn in einer publizierten Bild-Text-Synthese werden die Fotos in einen eindeutig politischen Zusammenhang gestellt. Exemplarisch hierfür soll der Bildband In Parks und Gärten von 1966 [3] herangezogen werden. Der einleitende Text stammt von Georg Piltz. In diesem wird eine Geschichte der Gartenarchitektur im Sinne einer Metapher der Menschheitsgeschichte nachgezeichnet, von der "Urgesellschaft" zum Sozialismus. Getreu des leninistisch-marxistischen Geschichtsbildes der DDR geschieht dies in einer teleologischen Erlösungsmetaphorik, zum Zeitpunkt des Geschrieben sei "[...] die Befreiung des Menschen aus den Fesseln einer Gesellschaftsordnung, die den Massen das Recht auf Schönheit verweigerte [...]" [4] vollzogen. Die Fotografien der Rössings in diesem Buch dienen zur Verifikation dieser These, indem die Schönheit von Gärten besonders aus der absolutistischen Zeit auffällig häufig, von zahlreichen Besuchern (vorzugsweise spielenden Kindern) bevölkert, abgelichtet ist. Wäre die reine Dokumentation und Präsentation der Kulturgüter per se intendiert gewesen, mit Sicherheit wäre ein kurzzeitiges Fernhalten der Besucher vom aufzunehmenden Objekt möglich gewesen. Statt dessen wird ein "alltagsnaher Realismus" [5] visuell vorgeführt, der nicht erfinden oder pathetisch übertreiben muß, um dennoch eine politische Botschaft zu vermitteln. Es liegt nahe, in eben dieser Methode einen Schlüssel zum publizistischen Erfolg jener Bildbände zu vermuten. Sogleich stellt sich daraus resultierend die Frage, ob das Publikum diese Methode als noch tolerierbaren Indoktrinationsversuch hinnahm, ob sie vielleicht sogar in ihrer Subtilität Erfolg hatte und es tatsächlich vermochte, das erwünschte Bild von der Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaft zu vermitteln, oder ob sie einfach zu subtil war und ihre Wirkung komplett verfehlte. Diese Fragen allerdings lassen sich nicht durch eine Analyse des Bestandes klären, sondern sind Teil einer noch zu erforschenden Perzeptions- sowie Apperzeptionsgeschichte.
Mit einer weiterführenden Aufarbeitung des vorhandenen fotografischen Nachlasses und begleitender Recherche wird es möglich sein, zusätzliche Anknüpfungspunkte der Bilder an die Kulturpolitik der DDR herauszuarbeiten. So muß untersucht werden, wie sich das Schaffen der Rössings vor dem Hintergrund und den Auswirkungen der Formalismusdebatte der 50er Jahre verhält – wird also die Forderung nach einer "[...] Idealisierung des herrschenden Gesellschaftssystems in einer allgemeinverständlichen, volkstümlichen Formensprache [...]" [6] durch die gewählte, den Sehgewohnheiten vertraute, strenge Art der Komposition der meisten publizierten Bilder bestätigt? Wie stand das Fotografenpaar fernab der Bildbände zur Suche nach einer individuellen Formensprache in der Fotokunst – können die bereits bekannten, als "Spielereien und Inszenierungen“ titulierten Werke als ein sich materialisierender Drang zu einer gestalterischen Freizügigkeit bewertet werden oder wissen die Fotografen klar ihre privaten Fotoexperimente vom "gesellschaftlichen Auftrag" zu trennen? "Einige Erwägungen sind erforderlich, will man dem Auftrag gerecht werden, einen Park zu fotografieren, daß sein Wesen erfaßt wird. Da ist die Perspektive. Freilich lassen sich mit der Fotografie zahlreiche Effekte erzielen, die die Anlage neuartig, vielleicht sogar „niedagewesen“ zeigen. Doch was ist damit gewonnen? Originalität? Nur Affektiertheit", meint Roger Rössing in seiner "Architekturfotografie" von 1987 [7] und fordert eine Übereinstimmung der Form mit dem Inhalt, ganz im Sinne des sozialistischen Realismus: "Abstrakte, formale Bildkompositionen, die nichts erkennen lassen, und die nur falsche Gefühlsduselei erzeugen, Kitschfotografie alten Stils, heißen Isolierung vom Volk, bedeuten objektiv Hilfe für den Imperialismus." [8]
Es wäre ein Verlust, den fotografischen Bestand Rössing gemäß der dargestellten Objekte in die Sparten Architektur- oder Reisefotografie, Menschen- oder Naturbildnisse archivarisch wegzusortieren und nicht den verborgenen Erkenntnissen zur publikumswirksamen Auftragsfotografie in der DDR nachzustellen. Referenz müssen jedoch immer die publizierten, also öffentlich wirksamen Bildmedien sein. Von dieser Grundlage ausgehend muß durchaus auch nach dem Grad der tatsächlichen Involviertheit der Rössings in den gestalterischen Prozeß der Bildbände jenseits der Fotografien gefragt werden, nach den Mechanismen der Auftragsvergabe, nach möglicherweise schriftlich fixierten Anweisungen bezüglich Gestaltung und Motivwahl. Und auch wenn sich vielerlei Fragen nicht vollends klären werden, muß das fotografische Schaffen immer im historischen Kontext seiner Entstehung untersucht werden, um es dort zu verankern und seine Position bestimmen zu können. Nichts liegt ferner, als die Fotografien der Rössings allein aufgrund ihrer Ästhetik zu schätzen oder ihren Dokumentarismus zu preisen. Denn in ihnen finden sich Zeugnisse einer erfolgreichen Bildpolitik einer Diktatur, die auch zur Erforschung weniger erfolgreicher Propagandaversuche durch Gegenüberstellung dienen können.
[1] Siehe hierzu Michael Berg, Knut Holtsträter, Albrecht von Massow (Hrsg.), Die unerträgliche Leichtigkeit der Kunst. Ästhetisches und politisches Handeln in der DDR, Köln, Weimar, Wien 2007, S. IX.
[2] Ralf Julke, 124 Bilder aus einem vergangenen Leipzig: Menschen in der Stadt, in: Lizzy-online, 31. März 2006, Stand 06.04.2008) .
[3] Georg Piltz, Roger Rössing, Renate Winkler, In Parks und Gärten, Leipzig 1966.
[4] Ebd., S. 33.
[5] Paul Kaiser, Arbeiterlob im Kunstkombinat. Zum Wandel eines Bildprogramms in Malerei und Fotografie, in: Fotogeschichte 102/ 2006 (26), S. 3-14, hier S. 3.
[6] Achim Preiß, Über die Kunst der DDR, in: Michael Berg, Knut Holtsträter, Albrecht von Massow (Hrsg.), Die unerträgliche Leichtigkeit der Kunst. Ästhetisches und politisches Handeln in der DDR, Köln, Weimar, Wien 2007, S. 105-111, hier S. 106.
[7] Roger Rössing, Architekturfotographie, 4. völlig neubearbeitete Auflage, Leipzig 1987, S.128.
[8] Ernst Nitsche nach Ulrich Domröse, action fotografie. Eine Gruppe sucht nach Wegen in den 50er Jahren der DDR, in: Bildende Kunst 10/ 1989, S. 36-39, hier S. 36.
Arvid Kahle
© 2008
