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Fritz Eschen und die Porträtfotografie

Kontaktbogen 1 von 3. Kathrine Dunham.Fritz Eschen war zu seiner Zeit insbesondere als Porträtfotograf bekannt, heute sind es eher seine Genre-Aufnahmen aus der Berliner Vor- und Nachkriegszeit.

Doch auch in diesen Reportagen offenbart sich sein wacher Blick auf die Menschen in ihrer Umgebung, Sozialisierung und Zeit.

Fritz Eschen fotografierte meist nur Personen, die ihn interessierten - oder eben im Auftrage als Bildjournalist: Schriftsteller, Künstler, Schauspieler, auch Wissenschaftler, Politiker, Industrielle. Menschen mit unterschiedlichsten Biografien, Haltungen, Gesinnungen, Charakteren.(1)

Grundlage seiner Arbeit war ihm, sich - vor dem eigentlichen Akt des Porträtierens - mit ihrem Werk und ihrem Wirken näher zu beschäftigen: "Von allen Wesen und Dingen, die uns in unserem Leben umgeben, es willkürlich oder unwillkürlich formen oder beeinflussen, steht der Mensch an erster Stelle. Jeder Mensch hat seine Eigenart, die ihn unverkennbar von allen anderen unterscheidet.

Wollte man nach dem oft zitierten Durchschnittsmenschen fahnden, man würde ihn vergeblich suchen. In der Wirklichkeit gibt es ihn nicht." (2) Fritz Eschens Porträts entstanden daher nur selten in typischen Porträtsitzungen. Meist suchte er die Personen an den ihnen vertrauten Orten auf: zu Hause, im Atelier oder Büro - an Orten ihres Lebens, ihrer Arbeit.

So sind Künstler häufig mit Werken, beim Zeichnen oder Modellieren, Schriftsteller beim Schreiben, Musiker mit ihren Instrumenten, Politiker an Schreibtischen zu sehen. Und: Nach seiner "Auffassung macht erst das Gespräch die Gesichtsanatomie zur Physiognomie, und die allein interessierte ihn" (3). Die aus Gesprächssituationen hervorgegangenen Aufnahmen strahlen daher oft eine Lebendigkeit aus, die das "Einfrieren eines Momentes" vergessen lassen. Sie bannen für den Einzelnen typische Gesten und Mimiken. In ihrem Wechsel von Nähe und Distanz, von Profil-, Schräg- und Frontalsichten, Belichtungszeiten, bewusst eingesetzten Licht- und Schattenkontrasten - mit einer oft nahezu plastischen Wirkung - erzeugen und vermitteln sie ein vielfältiges Bild von Persönlichkeiten und Charakteren sowie dem eben nicht gleichgültigen Verhältnis zwischen Bildautor und "Bildobjekt".(4)

So ist in den Porträts merklich auch die Haltung des Fotografen zum Gegenüber einbeschrieben - Sympathie und Achtung, Skepsis und Zurückhaltung. Einzelbilder sind selten. Oft sind es mehr als 15 Aufnahmen. Unterscheiden sich einzelne Bilder nur im Gestus des Moments, so beziehen andere den Wechsel von Situationen mit ein.

Vereinzelt treten die Porträtierten mit vertrauten Personen in Beziehung, ihren Frauen, Kindern, Enkeln. Darüber hinaus geben die Kontaktbögen auch Auskunft über die Arbeit des Fotografen nach dem Fotografieren. Erkennbar werden die "Favoriten" einer Porträtsitzung sowie die Festlegung von Bildaus-schnitten, welche für die Abzüge und Publikationen wesentlich wurden.

Wie bei anderen Fotografen auch, zeigen die Künstlerporträts Eschens in der Bildsprache ein größeres Maß an Variabilität und künstlerischem Gestaltungswillen. Doch gilt für alle seine Porträts gleiche Sorgfalt aus journalistischem Ethos heraus. Die Bilder aus den frühen 30er Jahre lassen kaum die aufkeimende Unruhe innerhalb der Gesellschaft erkennen.

Bilder nach 1945 sind vielleicht eher mit distanzierterer, einer mehr differenzierenden Sichtweise zu umschreiben. Sie schildern gleichermaßen Not und Hoffnung, Resignation und Aufbruch - eine Gesellschaft die sich neu zu verorten sucht - halten Momente, Situationen und Stimmungen fest, die im Zuge des Erinnerns oft verblassen, kaum mehr nachvollziehbar - in den Bildern jedoch lebendig bleiben.(5)

Im Bildstil Fritz Eschens, in den Szenerien der Inszenierungen, den dinglichen Attributen der Dargestellten, im Namens- und Berufe-Kanon der fotografierten Personen entsteht über das Interesse am Individuum eine Galerie, eine Soziologie, eine Ikonografie von den 30ern bis zum Beginn der 60er Jahre: Menschen in ihrer Zeit, in seiner Zeit.

Anmerkungen:
(1) Er lehnte auch Aufträge ab, vgl. Interview Rolf Engelbart mit Klaus Eschen, 31.Mai 1999 (Fotothek).
(2) Eschen, Fritz: Camera in meiner Hand, o.S.
(3) Eschen, Klaus in: Interview Rolf Engelbart mit Klaus Eschen, 31.Mai 1999 (Fotothek).
(4) Eschen, Fritz: Camera in meiner Hand, o.S.
(5) vgl. Eschen Klaus: Befreiung in Trümmern in: Fritz Eschen. Photographien. Berlin 1945-1950, Berlin 1989, S.5